24.01.2016 17:31
Quelle: schweizerbauer.ch - sda
USA
US-Ostküste versinkt im Schnee
Bis zu einem Meter Schnee fällt an der US-Ostküste, 36 Stunden lang. Das öffentliche Leben ruht. Als einer der schlimmsten Schneestürme seit vielen Jahren endet, bescheint erst ein klarer Mond, dann eine strahlende Sonne eine märchenhafte Kulisse: Winterwonderland in Washington DC und New York City.

Samstag: Washington wacht auf und tut es doch nicht. Es schneit und schneit und hört nicht mehr auf. Eine dicke Schneedecke überzieht die US-Hauptstadt, schluckt alle Geräusche, lässt das öffentliche Leben stillstehen. Ampeln springen auf Rot, auf Grün, nirgends ein Auto.

Am Sonntag werden am Weissen Haus 40 Zentimeter Neuschnee gemessen - und das ist noch wenig. In Teilen Virginias, Marylands und die Küste hinauf nach New York werden es 70 bis 100 Zentimeter sein. So etwas ist dieser Landstrich nicht gewöhnt. Es gibt zwar alle paar Jahre mal Schneestürme, aber auch Winter fast ganz ohne Weiss.

Stundenlanges Schnee schippen

Wer am Samstag, dem Haupttag des Sturms, nicht unbedingt raus muss, bleibt drinnen. Wer doch draussen ist, hat einen Grund. Wie Andrew Thomas, der auf der Georgia Avenue im Nordwesten Washingtons Schnee schippt. Seit Mitternacht auf den Beinen, räumt er mit zwei seiner Kollegen von der Dienstleistungsbehörde Gehwege frei. Es ist gerade einmal sieben Uhr morgens, bis Mittag muss er noch arbeiten. Wie er das aushält? «Man muss einfach immer in Bewegung bleiben.»

In Potomac versuchen komplette Familien, Gehwege freizulegen, die aber sofort wieder zuschneien. Sorgenvoll schaut Sandra in die Baumkronen, die sich im Wind wiegen: «Bei Snowmageddon, dem letzten grossen Sturm 2010, sind uns zwei aufs Haus gefallen. Na, wird schon werden.» Kapuze zu, weitergraben.

Unterschlupf für Obdachlose

Andrew Thomas trägt gelbe Stiefel, seine dicke schwarze Jacke ist mit Flocken übersät. «Kaum haben wir den Schnee weggeräumt, fällt neuer», sagt er und schüttet Streusalz in eine Schubkarre. Ein paar Meter entfernt stehen Obdachlose vor einem Haus. Drinnen können sie sich aufwärmen, schlafen und etwas zu essen bekommen. Die Organisation Catholic Charities betreibt hier über den Winter eine Unterkunft.

In Washington gibt es etliche Menschen, die auf der Strasse leben, wie in so vielen grossen Städten in den USA. William Howard ist nicht gut auf die Behörden zu sprechen. «Sie geben Geld für alles andere aus, aber nicht für die Obdachlosen.» Ein bisschen weiter die Strasse runter liegt die Howard Universität. Die Coffee-Shops drumherum sind meist gut gefüllt, heute sind die meisten geschlossen. Nur ein Sandwichladen wartet auf Kunden. «24 Stunden geöffnet» blinkt es an der Tür. Die beiden Mitarbeiter blicken gelangweilt durch die Fenster. Die Tische sind leer.

Stille in New York

Auch New York, die brodelnde Riesenstadt, kommt fast komplett zur Ruhe. Was für ein Geschenk das sei, seufzt ein Kommentator in der «New York Times», so viel Stille. Und wie viel Hässlichkeit doch dieser ganze Schnee bedecke. Viele Menschen hatten sich schon über die Woche mit dem Nötigsten eingedeckt. In Supermärkten der Hauptstadt bildeten sich lange Schlangen, die Gemüseregale waren leer gefegt, Milch und Wasser ausverkauft.

Das öffentliche Leben stand am Freitag in Washington schon still, als noch nicht eine Schneeflocke gefallen war. Der Schulunterricht fiel aus, Behörden schlossen ihre Türen vorzeitig. Tausende Bildschirme in den riesigen Bürogebäuden rund um das Weisse Haus blieben schwarz. Die Busse stellten am Nachmittag den Betrieb ein, die U-Bahnen folgten am Abend.

Am Sonntag beginnt das grosse Graben. So richtig tauen soll es erstmal nicht. Dröhnende Schneefräsen sind zu hören, das Knirschen von Schaufeln, eiserne Pflüge schaben über die Strassen. Viele, sehr viele Bezirke werden mindestens bis Montag eingeschneit sein. Der Sturm ist vorbei, der Winter bleibt.

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