14.07.2014 12:42
Quelle: schweizerbauer.ch - sda
Graubünden
«Je älter der Nationalpark wird, umso wertvoller ist er»
Der Schweizerische Nationalpark war nach der Gründung vor 100 Jahren lange Zeit nur ein Geheimtipp unter Naturliebhabern. Parkdirektor Heinrich Haller verrät im Interview, in welche Richtung sich der Park in den nächsten Jahren entwickeln sollte.

sda: Täuscht der Eindruck, oder war die Parkgründung vor 100 Jahren in den drei Bündner Tageszeitungen kein Thema? Es dominierten die Kriegsschlagzeilen.
Parkdirektor Heinrich Haller: Ich habe die Tageszeitungen aus dem Jahre 1914 nie konsultiert. Ihre Schlussfolgerung, dass ein noch wichtigeres Thema die Schlagzeilen dominierte, ist sicherlich richtig. Dazu kommt der Umstand, dass der Nationalpark bei seiner Gründung zwangsläufig noch nicht über die fachliche und gesellschaftliche Verankerung verfügen konnte wie 100 Jahre später.

Stand man vor 100 Jahren der Parkgründung skeptisch gegenüber?
Es gab zwar Skeptiker, doch dominierten die Befürworter. Für die Nationalparkgemeinden bedeuteten die Pachtzinsen eine wichtige Einnahmequelle. Das nationale Establishment, national-konservative Kreise, sahen in der Nationalparkgründung eine Möglichkeit, traditionelle heimatliche Werte zu erhalten. Man versuchte Gegensteuer zur einsetzenden technischen Revolution und deren Folgewirkungen zu geben.

Wie würden Sie den Zustand der Landschaft beschreiben, die vor 100 Jahren unter Schutz gestellt wurde? Übernutzt, verbraucht, intakt?
In höheren Lagen intakt, in der Waldstufe gezeichnet von früheren starken Nutzungen, deren Vernarbung aber seit mehr als einem halben Jahrhundert eingesetzt hat.

Ab wann setzte ein Nationalpark-Tourismus ein?
HWährend mehrerer Jahrzehnte war der Nationalpark ein Geheimtipp von Naturliebhabern, vor allem von anspruchsvollen. Vom wandernden Publikum ist der Park in den 1960er-Jahren entdeckt worden.

Wie sieht die Aufteilung des 170 Quadratkilometer grossen Parks aus?
Der Park besteht aus 51 Prozent weitgehend vegetationsfreien Flächen, der Anteil Wald beläuft sich auf 31 Prozent, der Rest besteht aus subalpinem oder alpinem Rasen.

Ist der Park im Engadin derjenige in Europa mit den strengsten Schutzvorschriften?
Bezogen auf Zentraleuropa ja. In Nord- und Osteuropa gibt es vergleichbare und oft grössere Schutzgebiete mit ähnlichem Status.

Ist eine Parkerweiterung, die letzte war die Integration der Seenplatte von Macun im Jahr 2000, angesichts neuer Parkprojekte in der Schweiz aktuell?
Nein. Selbstverständlich wären die Parkverantwortlichen offen für eine Erweiterung, die Initiative für die Wiederaufnahme eines solchen Vorhabens müsste aber aus der Region kommen und politisch gut abgestützt sein.

Ihr Wunsch für den Nationalpark in den nächsten 100 Jahren?
Kontinuität bei angepasster Weiterentwicklung. Die bisherige Nationalparkgeschichte zeigt, wie wichtig die Beibehaltung der Parkziele ist. Nur so kann die Institution die Leistungen in Naturschutz, Forschung und Bildung erfüllen. Und je älter der Nationalpark wird und sich noch mehr in Richtung Wildnis entwickeln kann, umso wertvoller ist er. Längerfristig geht es auch darum, die Schwächen des Nationalparks zu mindern: Das sind die relativ geringe Gebietsgrösse, das Fehlen residenter Grossraubtiere mit ihren ökologischen Wirkungen und die Verkehrsbelastung entlang der Ofenpassstrasse.

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