24.08.2015 08:02
Quelle: schweizerbauer.ch - sda
USA
10 Jahre nach Riesen-Sturm - New Orleans geht es besser
Die Stadt ist pittoresk, aber auch bitterarm. Hurrikan «Katrina» schien vor zehn Jahren das Ende von New Orleans zu besiegeln. Doch der Stadt geht es besser als viele dachten - doch lange nicht gut.

«Als er kam, war sie gerade unterwegs», sagt Shanice Williams. Sie deutet auf ihre neunjährige Tochter und mit «er» ist der Sturm gemeint, Hurrikan«Katrina». In der letzten Augustwoche 2005 richtete der gewaltige Wirbelsturm erst grosse Schäden in der Karibik, dann im Südosten der USA an.

80 Prozent überflutet

Zehn Jahre später sind die Narben, ja Wunden unübersehbar - aber die Stadt ist weiter, als selbst Optimisten gehofft hatten. «Ich war im vierten Monat schwanger», erzählt Shanice. «Ich wollte nicht gehen, aber wir mussten. Und das war gut so. Sonst wären wir jetzt tot», sagt sie mit einem Blick auf ihre Tochter.

Als sie wieder zurück durften, stand das Wasser in ihrem Haus eineinhalb Meter hoch. «Kaum war es nach vier Wochen abgelaufen, haben wir hier wieder geschlafen. Es war furchtbar. Aber es war zu Hause.» New Orleans ist praktisch eine Insel und der Hochwasserschutz war gut, aber längst nicht gut genug. Und so brach am 29. August die Flutmauer etwa 50 Mal und das Wasser fiel über die Stadt her. Gut 80 Prozent von New Orleans wurden überflutet und etwa 1300 Menschen getötet. Und Hunderte galten als vermisst - die meisten von ihnen bis heute. Mehr als die Hälfte der getöteten Personen war über 75 Jahre alt.

Weniger Kriminalität

«So viele hier hatten alles verloren, obwohl sie kaum etwas hatten», sagt Carolyna Gallup. Sie leitet ein Begegnungszentrum im Ninth Ward, dem ärmsten und am schwersten getroffenen Teil der Stadt. «Es sah hier aus wie nach einem Krieg. Und die Menschen waren weg. Entweder geflohen, von den Behörden in alle Teile der USA gebracht. Oder tot.»

Der Ninth Ward sei immer noch das Armenhaus einer armen Region. «Aber die Menschen halten jetzt fester zusammen und die Kriminalität ging zurück», sagt Gallup. Sie würdigt die Millionen, die zum Aufbau nach New Orleans gepumpt wurden. «Die Krankenversorgung ist richtig gut, selbst für die Ärmsten.» Und es gebe mehr Geld für Bildung.

Hunderttausende evakuiert

«Die Stadt wird nie wieder so ein, wie sie war», hört man immer wieder. Die Strassenbahn («Streetcars») fährt wieder, in den Bars der von vielen Touristen besuchten Bourbon Street wird längst wieder Jazz gespielt, auch schon morgens um elf. Aber ausserhalb der Touristengebiete ist es anders. Leerer. Überall stehen neue Häuser, aber dazwischen ist plötzlich eine leere Fläche. Da stand mal ein Haus, da wohnten Menschen.

Unmittelbar vor dem Sturm hatte New Orleans 480'000 Einwohner. Ein paar Monate später war es noch die Hälfte. Hunderttausende waren während der grossen Evakuierung in alle Teile der USA verfrachtet worden.

Die meisten kamen zurück

Nicht jeder kehrte zurück. Manche hatten einfach keine Lust mehr auf eine arme, im Sommer kaum erträglich heisse Heimat, über die immer wieder ein Sturm herfällt. Und doch: Nach und nach kehrten die meisten zurück. «Unsere Region hat jetzt wieder etwa 95 Prozent der Einwohner, die sie vor »Katrina« hatte», sagt Mitch Landrieu.

Er muss es wissen, er ist seit fünf Jahren Stadtpräsident von New Orleans, und der demokratische Politiker ist ein Optimist. Die grossen Wiederaufbauprojekte seien bereits - oder fast - abgeschlossen. Die Region sei deutlich besser in Sachen Kriminalitätsbekämpfung und Strafverfolgung, biete bessere Bildung, mehr Fördermöglichkeiten für die Wirtschaft und auch zur Belebung der Stadtviertel. New Orleans sei «Amerikas beste Comeback-Story», rühmt der Politiker.

Aber rückblickend spricht er von einer «menschengemachten Katastrophe». Die Ursache sei das Versagen des vom Bund gebauten Schutzsystems gewesen, sagte Landrieu. Die alternde Infrastruktur in Amerika dürfe nicht weiter ignoriert werden, sonst steig «die Wahrscheinlichkeit, dass es wieder zu einer solch grossen Katastrophe kommt, dann in einer anderen Grossstadt.»

SCHWEIZER BAUER
BEKANNTSCHAFTEN
DER SCHWEIZER BAUER AUF YOUTUBE