23.04.2015 06:42
Quelle: schweizerbauer.ch - sda
Bienen
Bienen: Insektizide wirken wie Drogen
Seit Jahren geht es Honigbienen, Wildbienen und Hummeln in vielen Regionen der Welt schlecht. Die genauen Ursachen sind weitgehend unklar - der Einsatz von Insektiziden scheint aber eine bedeutsame Rolle zu spielen. Diese Annahme untermauern zwei aktuelle Studien.

Demnach meiden Bienen mit sogenannten Neonicotinoiden behandelte Pflanzen nicht etwa, sondern steuern sie wohl sogar bevorzugt an. Beim Sammeln von Nektar und Pollen könnten sie deshalb mehr von den Schadstoffen aufnehmen als bisher angenommen, schreiben Forscher aus Grossbritannien und Irland im Fachblatt «Nature».

Vorliebe für belastete Nahrung

In einer zweiten Studie fanden schwedische Wissenschaftler, dass die Mittel Wachstum und Vermehrung von Wildbienen und Hummeln beeinträchtigen können. «Neonicotinoide steuern im Nervensystem von Bienen die gleichen Mechanismen an wie Nikotin im Gehirn von Menschen», erläutert die Studienleiterin Geraldine Wright von der Newcastle University.

«Die Tatsache, dass die Bienen eine Vorliebe für Neonicotinoid-belastete Nahrung haben, ist besorgniserregend, weil es vermuten lässt, dass die Neonicotinoide ähnlich wie Nikotin als Droge wirken und solche Nahrung besonders belohnend wirkt.» Die Forscher folgern, dass es nicht ausreicht, um Felder herum einen Streifen mit Futteralternativen für die Bienen zu pflanzen. Die Einschränkung der Neonicotinoid-Verwendung sei womöglich der einzige Weg, den Rückgang der Bestäuber-Populationen aufzuhalten.

Moratorium

Risiken und Nutzen dieser Insektizide müssten genau abgewogen und Alternativen sorgfältig geprüft werden, heisst es in einem Kommentar zu den Ergebnissen. Zwecks weiteren wissenschaftlichen Untersuchungen gilt seit 2013 sowohl in der EU als auch der Schweiz ein Moratorium für die drei verbreitetsten Neonicotinoide.

Kritiker des Moratoriums führten unter anderem an, dass in Laborstudien zu hohe Konzentrationen der Neonicotinoide eingesetzt wurden und dass die Bienen im Freiland vermutlich auf andere Pflanzen auswichen.

Besonders attraktiv

Diese Annahme prüften nun die Forscher um Sébastien Kessler von der Newcastle University (Newcastle upon Tyne/Grossbritannien). Sie boten Hummeln und Honigbienen eine reine Zuckerlösung und eine mit Neonicotinoiden versetzte als Nahrung an, und zwar in Mengen, wie sie im Freiland in Nektar und Pollen zu finden sind.

Die Insekten mieden die Wirkstoffe in den Versuchen nicht, fanden die Forscher. Im Gegenteil: Zwei der drei in den Zuckerlösungen eingesetzten Neonicotinoide waren offenbar besonders attraktiv für die Bienen. Den Resultaten zufolge können die Bienen die Neonicotinoide nicht schmecken, die Bevorzugung muss also eine andere Ursache haben.

Wildbienen belastet

In der zweiten Studie gingen Forscher um Maj Rundlöf von der Lund University in Schweden der Frage nach, ob die hauptsächlich in Laborstudien festgestellte Gefährdung der Bienen auch im Freiland nachzuweisen ist.

Sie testeten Samen, die entweder mit einem Neonicotinoid-haltigen Insektizid und einem Pilzgift oder nur mit dem Pilzgift behandelt worden waren. Dort, wo das Insektizid verwendet wurde, wuchsen und vermehrten sich Hummeln und Wildbienen schlechter. Honigbienen-Kolonien gediehen hingegen auf beiden Flächen gleich gut.

Wissenslücken bleiben

Möglicherweise könnten sie die toxische Substanz besser entgiften, schreiben die Wissenschaftler. Über mögliche Langzeitfolgen sage das jedoch nichts aus. Bei der Beurteilung der Neonicotinoide sollten nicht nur Honigbienen als Modellorganismen eingesetzt werden, da sie möglicherweise anders reagieren als andere Bienen.

Obwohl die Studien das Wissens über die Risiken der Neonicotinoide erweiterten, blieben zahlreiche Wissenslücken, schreiben Nigel Raine von der University of Guelph in Kanada und Richard Gill vom Imperial College London in ihrem Kommentar. So müsse weiter erforscht werden, wie Rückstände im Boden auf dort lebende Bienen wirken und ob die Neonicotinoide auch andere Bestäuber-Insekten beeinflussen. Alternativen zu diesen Insektiziden müssten sorgfältig geprüft werden, um nicht unbeabsichtigt vielleicht noch gefährlichere Stoffe einzusetzen.

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