26.01.2015 07:07
Quelle: schweizerbauer.ch - sda
China
China: Vogelgrippe-Ausbruch macht Sorgen - hohe Dunkelziffer möglich
«Nein, nein, wir haben hier keine Vogelgrippe», winkt die Geflügelverkäuferin auf dem grossen Sanyuanli-Markt in Peking beschwichtigend ab und packt geschwind zwei dicke Hühnerbrüste in eine Tüte. «Keine Sorge. Vogelgrippe gibt es nur im Süden oder Osten, aber nicht hier in Nordchina», beruhigt sie einen Kunden.

Dieser fragt sich gerade, ob es noch sicher ist, frisch geschlachtete Poulets auf dem belebten Markt zu kaufen. «Wir passen hier auf, machen immer gut sauber», sagt die Händlerin lächelnd und reicht die Tüte rüber.

Seit November 11 Menschen gestorben

Eine Welle von Vogelgrippefällen hat den Osten und Süden Chinas erfasst. Doch lässt ein Toter im Nordwesten eine weitergehende Ausbreitung vermuten. Die Gesundheitsbehörden haben jetzt auch landesweit Alarm geschlagen. Seit November sind nachweislich elf Menschen an den Folgen einer H7N9-Infektion gestorben. Mehr als 50 Erkrankungen sind berichtet. Die Tendenz ist steigend. Rund 15 Patienten liegen in kritischem Zustand im Spital.

Die Dunkelziffer könnte hoch sein. Zwar ist die Diagnose einfach, doch bleiben viele Ansteckungen unentdeckt, weil die Symptome wie Fieber, Husten und andere Atemwegsprobleme einer normalen Grippe ähneln. «Es gibt eine Menge Vogelgrippefälle, die nicht erkannt werden», erläutert Cheng Jun, Vizepräsident des renommierten Pekinger Ditan Spitals. «Das ist häufig bei solchen Infektionen.» Die meisten Fälle gebe es im Winter und Frühjahr. Das sei die Zeit, wo die Zugvögel unterwegs und die Menschen anfällig seien.

Sorge wegen Reisewelle zu Neujahrsfest

Vor einer Woche rief das staatliche Gesundheitsamt eindringlich zu erhöhter Vorsicht auf und warnte vor einer Verbreitung des Virus. Vizedirektor Wang Guoqiang äusserte sich besonders besorgt über die bevorstehende Reisewelle zum chinesischen Neujahrsfest im Februar, wenn Hunderte Millionen Chinesen in einer grossen Völkerwanderung in überfüllten Zügen und Bussen unterwegs sind.

Infektionen mit dem H7N9-Virus wurden sowohl aus den Provinzen Guangdong und Fujian in Südchina als auch aus den ostchinesischen Provinzen Zhejiang, Jiangsu, Jiangxi, Shandong, der Hafenmetropole Shanghai und der Region Xinjiang im Nordwesten gemeldet. In Südchina und Hongkong wurden Zehntausende Tiere gekeult. Märkte wurden geschlossen, der Verkauf von frisch geschlachtetem Geflügel beschränkt. Die Menschen werden aufgefordert, gefrorenes Fleisch zu essen.

Medien berichten kaum

Wohl aus Angst vor Hysterie und Schaden für die Geflügelindustrie sind die Berichte in den zensierten Staatsmedien aber spärlich. Im vergangenen Winter kostete die Vogelgrippe die Industrie nach amtlichen Schätzungen mehr als 40 Milliarden Yuan, heute rund 5,7 Milliarden Franken.

«Der Ausbruch lässt unseren Absatz fallen», zitiert die Staatsagentur Xinhua auch jetzt einen Händler in Fuzhou. Dreimal am Tag reinige er seine Käfige. «Es ist gut, vorsichtig zu sein, aber Medienberichte über die Krankheit lösen immer eine Überreaktion in der Öffentlichkeit aus.» War im vergangenen Winter zunächst nur von gut zwei Dutzend Toten und mehr als 100 Erkrankten die Rede, gab es in den elf Monaten bis Dezember sogar 460 Infektionen mit H7N9 und 177 Todesfälle. Die Zahlen sind amtlich, wurden aber nicht gross berichtet.

Transparenz in Taiwan

Ganz offen gehen hingegen die Behörden und Medien im demokratischen Taiwan mit der Vogelgrippe um. Die Inselrepublik erlebt den schwersten Ausbruch in ihrer Geschichte. Rund 300 Geflügelfarmen sind betroffen. Eine halbe Million Tiere wurden bisher gekeult. Entdeckt wurden die Virustypen H5N2 und H5N3 sowie der Subtyp H5N8, der zuletzt auch in Deutschland aufgetreten ist.

«Bisher wurde das H5N8-Virus nur bei Tieren, nicht bei Menschen identifiziert», sagt Shu Yuelong, Direktor des chinesischen Gesundheitsamtes in Peking. «Allerdings kann jedes Virus theoretisch auch Menschen infizieren.» Eine immer wieder befürchtete Übertragung der Vogelgrippe von Mensch zu Mensch ist nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) nicht so einfach oder anhaltend möglich. Gleichwohl gebe es Berichte über Häufungen von Fällen bei zwei oder drei Familienmitgliedern.

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