18.10.2017 15:32
Quelle: schweizerbauer.ch - sda
Bern
Reitstallbetreiber droht Gefängnis
Fast vier Jahre soll ein hochverschuldeter Reitstallbetreiber wegen mutmasslichen Betrugs hinter Gitter. Das hat die Staatsanwaltschaft am Mittwoch vor dem Wirtschaftsstrafgericht in Bern gefordert. Der Verteidiger sieht allerdings den Vorwurf des Betrugs nicht erfüllt.

Die mutmasslich geprellten Gläubiger haben es laut Verteidigung allesamt unterlassen auch nur minimale Abklärungen zu tätigen, bevor sie dem Reitstallbetreiber grosszügig Darlehen gewährten. Ihr Geld sahen die wenigsten Gläubiger je wieder.

Kreditwürdigkeit vorgegaukelt

Nicht von ungefähr kenne der Volksmund den Ausspruch «trau, schau, wem», betonte der amtliche Verteidiger Hermann Lei. Die geprellten Geldgeber haben seiner Ansicht nach ihre Mitverantwortung nicht wahrgenommen. Allein die teilweise überrissenen Zinsversprechen, die der Angeklagte abgab, hätten alle Alarmglocken schrillen lassen müssen. Doch manch ein Gläubiger habe sich wohl verlocken lassen, vermutete der Verteidiger.

Dem gebürtigen Luzerner «Rösseler», ehemaligen CVP-Kantonsrat und Gantrufer wird vorgeworfen 29 Personen in mehreren Kantonen um Geld angegangen zu sein, das er grösstenteils nie zurückzahlte. Insgesamt steht der Mann mit über anderthalb Millionen Franken in der Kreide. Zuletzt war er im thurgauischen Mattwil tätig. Um an Geld zu gelangen, soll er seinen Geldgebern Kreditwürdigkeit vorgegaukelt haben, obschon er bis über beide Ohren verschuldet war.

Gefälschte Dokumente

Der Reitstallbetreiber erzählte den potenziellen Geldgebern, dass er nach dem kürzlichen Tod seines Vaters eine grössere Erbschaft und Erträge aus dem Kiesabbau in Aussicht habe. Bis die Erbsache geklärt sei, brauche er aber kurzfristig ein Überbrückungsdarlehen. Oft begründete er dies mit Investitionen in seinen Reitbetrieb.

Zum angeblichen Beweis legte der Reitstallbetreiber unter anderem ein von ihm gefälschtes Dokument der Luzerner Gemeinde Luthern vor, das eine Erbschaft und Erträge aus dem Kiesabbau bestätigte. Vor Gericht räumte der Angeklagte die Fälschung ein.

Sehr wohl arglistig

Nach Ansicht von Staatsanwalt Beat Schnell hat der Reitstallbetreiber seine Gläubiger sehr wohl arglistig hinters Licht geführt. Der eloquente und angesehene Reitstallbetreiber «wusste, welche Knöpfe er bei welchen Menschen drücken musste.» An dem 53-Jährigen sei ein Schauspieler verloren gegangen, sagte einer der Geprellten diese Woche dem Gericht. «Der konnte reden wie ein Pfarrer», sagte ein anderer.

Der Angeklagte sei raffiniert vorgegangen und habe vom einfachen Handwerker bis zum Akademiker alle übers Ohr gehauen. Doch: «Kein einziges Opfer ist selber schuld», betonte Schnell. Vielmehr habe der Angeklagte das Vertrauen von Bekannten und die Solidarität unter Geschäftsleuten missbraucht. Es habe keinen Grund gegeben die vorgelegten Dokumente anzuzweifeln. Der Staatsanwalt forderte Schuldsprüche in allen Punkten und eine unbedingte Freiheitsstrafe von 47 Monaten.

Mildere Strafe


Die Verteidigung hingegen forderte einen Freispruch ihres Mandanten von dem am schwersten wiegenden Vorwurf des gewerbsmässigen Betrugs. Der Angeklagte hatte in der Befragung die Urkundenfälschung zugegeben. Weiter werden ihm auch Vergehen gegen das Strassenverkehrsgesetz vorgeworfen, die er nicht bestritt. Für diese Tatbestände forderte der Verteidiger «eine angemessene Strafe».

Im Vorfeld des Prozesses am Wirtschaftsstrafgericht in Bern wurde auch die Durchführung eines sogenannten abgekürzten Verfahrens diskutiert. Darin einigen sich Anklage und Verteidigung auf eine Strafe. Im vorliegenden Fall stand eine bedingte Freiheitsstrafe von 30 Monaten, davon sechs Monate unbedingt zur Debatte. Zu einem abgekürzten Verfahren kam es aber nicht, da sich die geprellten Gläubiger in einem ordentlichen Prozess eine härtere Strafe erhoffen.

Der Verteidiger gab dem Gericht mit auf den Weg, sich doch an dieser milderen Strafvariante zu orientieren. Das Urteil gibt das Wirtschaftsstrafgericht am Freitag bekannt.

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