29.12.2017 06:34
Quelle: schweizerbauer.ch - lid
Fütterung
Weiterhin kein «Gras» für Milchkühe
Gras ist das wichtigste Futtermittel der Schweiz. Es macht in der Futtermittelbilanz den grössten Anteil aus. Nutztiere fressen aber nicht nur Gras, sondern auch Kraftfutter und Abfälle der Lebensmittelindustrie. In der Serie Futtermittel erfahren Sie mehr darüber.

Nicht nur Luzerne und Mais, sondern auch Hanf ist bei Tieren als Futter sehr beliebt. Der Anbau von Hanf ist erlaubt, sofern er weniger als 0,3 Prozent der psychoaktiven Substanz THC enthält und von einer der Sorten aus dem EU-Katalog für Öl- und Faserpflanzen stammt. Bis 2005 konnte dieser sogenannte Industriehanf an Tiere verfüttert und im Stall eingestreut werden.

Inserat brachte Stein ins Rollen

Den Tieren schien es zu gefallen, immer mehr Bauern machten deshalb von dieser Möglichkeit Gebrauch. Bis eines Tages in einer Westschweizer Lokalzeitung ein Inserat auftauchte, auf dem ein Junge mit einer Milchflasche abgebildet war. „Seit Papa den Kühen Hanf verfüttert“, stand da zu lesen, „schmeckt meine Milch noch besser.“ Dieses Inserat sorgte für Aufruhr. Der Bund sah sich gezwungen, etwas zu unternehmen. Wissenschaftliche Studien über den THC-Gehalt in der Milch hanffressender Kühe fehlten. Der Bund gab Agroscope den Auftrag abzuklären, ob und falls ja, wie berauschend Hanf die Milch machen kann.

Agroscope führte ein kleines Experiment durch, welches zeigte, dass die psychoaktive Substanz tatsächlich vom Futter in die Milch gelangen kann. Bei diesem (auch unter Fachleuten nicht ganz unumstrittenen) Experiment wurden einer Kuh Pillen mit 625 Milligramm synthetisch hergestelltem THC verabreicht. Danach konnte Daniel Guidon, der damalige Leiter des Bereichs Sicherheit und Qualität von Agroscope-Posieux, in ihrer Milch 0,03 Milligramm THC pro Liter nachweisen. Das ist zwar nicht berauschend viel. Es war für den Bund aber genug, um die Verfütterung von Hanf per 1. März 2005 zu verbieten. THC, so das BLW, habe in Milch nichts zu suchen und solle sich auch nicht im Fettgewebe von Schlachttieren wiederfinden.

Ab 2018 wieder erlaubt - nicht aber für Milchkühe

Am 1. Januar 2018 werden Hanf und Hanfprodukte als Futtermittel wieder erlaubt, nur nicht für Milchkühe. Dank Fortschritten in der Sortenzüchtung gibt es inzwischen Hanfsorten mit sehr geringem THC-Gehalt, aus denen, wie das BLW schreibt ,„zahlreiche gesundheitsfördernde Produkte gewonnen werden und die auch in der Tierproduktion gute Dienste leisten können.“ Und weiter: „Hanfsamen enthalten nämlich kein THC, und nur Pflanzenreste, die mit Saatgut vermischt werden, können zu Kontaminationen führen. Letztere gelten als vernachlässigbar, wenn nur die Sorten aus dem EU-Katalog verwendet werden, die einen Höchstgehalt von 0,2 Prozent THC aufweisen.“

Warum die Verfütterung von Hanf an „laktierende Tiere, deren Milch zum menschlichen Verzehr bestimmt ist“, trotz dieser Sachlage weiterhin verboten bleibt, ist unklar. Vorerst wird sich mit Hanf- oder „Gras-Milch“ weiterhin keine Nischenproduktion aufbauen lassen.

Rinder mit null Promille

Vielleicht liegt es daran, dass Hanf und Alkohol in unserer Gesellschaft schon immer unterschiedlich bewertet wurden. Ein Alkoholverbot ist in der Rindviehfütterung jedenfalls kein Thema. Wer, wie Sepp Dähler im ausserhodischen Stein seine Tiere mit Biernebenprodukten wie Malztreber, Bierhefe und Biervorlauf füttert muss auch keine Angst vor torkelnden Rindern im Stall haben.

Obwohl seine Futterration leicht alkoholhaltig ist, haben die Tiere 0,00 Promille im Blut. Laut dem Tierspital Zürich liegt das daran, dass Wiederkäuer den Alkohol im Pansen abbauen können. Weil Nicht-Wiederkäuer diese Fähigkeit nicht haben, bekommen Dählers Bierschweinchen nur getrocknete Bierhefe. Mit frischer Bierhefe könnten sie zu Promilleschweinchen werden.

Insekten: Fressen statt gefressen werden

Heimtiere wie Reptilien durfte man schon immer mit Insekten füttern. Seit dem 1.Mai 2017 dürfen in der Schweiz auch Menschen Insekten essen. Grillen, europäische Wanderheuschrecken und Mehlwürmer erfreuen sich zwar noch nicht einer allzu grossen Beliebtheit, sie sind aber als Lebensmittel zugelassen. Bei den Nutztieren ist das Insektenfood weiterhin verboten. Einzige Ausnahme ist die Produktion von Speisefischen. Dabei könnte ein Teil der Nachfrage nach tierischem Futtereiweiss mit Insekten gedeckt werden.

Der Bundesrat ist zwar nicht gegen die Verfütterung von Insekten an Geflügel oder Schweine. Er findet eine breitere Abstützung der Proteinversorgung bei der Fütterung von Tieren sogar sinnvoll. Er will aber die Zulassung von Insekten in der Futtermittelproduktion erst noch mit der EU koordinieren – und das dauert. Insekten haben in der Schweizer Gesetzgebung einen Sonderstatus. In der Tierschutzgesetzgebung werden sie gar erst nicht erwähnt, Massentierhaltung ist deshalb gang und gäbe. Beiträge für besonders tierfreundliche Haltung und Auslauf im Freien (oder müsste es Ausflug heissen?) sind auch nicht vorgesehen.

In der Futtermittelgesetzgebung werden Insekten nicht als Futtermittel, sondern als Nutztiere aufgeführt, die gefüttert werden müssen. Die Anforderungen an ihre Futtermittel sind dieselben wie für Rindvieh und Co.. Kot, Urin, Häute, Saatgut, mit Holzschutzmitteln behandeltes Holz und Sägemehl sowie Abfälle sind verboten; Speisereste einschliesslich Küchenabfälle, tierisches Eiweiss, sowie Futtermittel, die solche Bestandteile enthalten, sind genauso wenig erlaubt.

Die Mischung macht's

In der Schweiz werden Jahr für Jahr rund 200'000 Tonnen Nebenprodukte aus der Lebensmittelindustrie verfüttert. Es handelt sich dabei vor allem um Müllereinebenprodukte, Rapskuchen, Zuckerrübenmelasse, Trockenkartoffeln, Magermilchpulver, Fette und Öle sowie Malzkeime und Trockentreber. Einzeln lassen sich diese Rohstoffe nicht sehr gut verfüttern, in der Mischung können sie sich jedoch optimal ergänzen. Solche Futtermittel leisten einen wichtigen Beitrag zur Reduktion von Nahrungsmittelverschwendung - von Food Waste.

Die gesamtschweizerische Mischfutterproduktion liegt seit Jahren in einer Grössenordnung im Bereich von 1,5 Mio. Tonnen.

Die Mischfuttermenge ist konstant

Jahr 2011 2012 2013 2014 2015 2016
in Tonnen (geschätzt) 1'523'000 1'505'000 1'520'000 1'569'000 1'552'000 1'555'000

Quelle: Vereinigung Schweizerischer Futtermittelfabrikanten VSF

Die Futtermühlen verarbeiten in- und ausländische Rohstoffe, der Herstellungsprozess (Mahlen, Mischen, allenfalls Pelletieren und Abfüllen) erfolgt weitgehend in der Schweiz. Mischfutter wird kaum importiert.

Fenaco mit fast 60 Prozent Marktanteil


Mehr als die Hälfte des in der Schweiz produzierten Mischfutters stammt von der Fenaco-Gruppe (UFA AG, Landis, Meliofeed AG), die einen Marktanteil von 55 bis 60 Prozent hat. Ein weiterer wichtiger Marktteilnehmer ist Provimi Kliba AG (Aurelius, bis Mitte November Cargill) mit einem Marktanteil von rund 20 Prozent. Der drittgrösste Marktteilnehmer dürfte gemäss Branchenkennern die Kunz Kunath AG mit einem Marktanteil von 7,5 Prozent haben. Die restlichen 15 Prozent sind auf etwa 40 Mischfuttermühlen verteilt.

Für die Mischfutterproduzenten spielt das Schweinefutter die bedeutendste Rolle. Rund 40 Prozent des produzierten Mischfutters geht in die Schweinefleischproduktion. Ein Grossteil davon fliesst in die Aufzucht von Jagern mit einem Gewicht von 30 kg bis 60 kg. Etwa 30 Prozent des Mischfutters wird an Grossvieh verfüttert, v.a. an Milchvieh. Dazu kommen noch rund 20 Prozent Mischfutter fürs Geflügel. Dieses wird sowohl in der Geflügelmast als auch zur Fütterung der Legehennen verwendet. Die restliche Mischfutterproduktion entfällt auf Pferde, Schafe, Ziegen und Haustiere.

Besonders gewachsen ist in den letzten Jahren die Nachfrage nach Geflügelfutter (Poulets und Legehennen) sowie nach Biofutter. Eine Absatzsteigerung gibt es auch bei Spezialitäten zur Vorbeugung von Stoffwechselstörungen oder Mangelkrankheiten. Die Nachfrage nach Schweinefutter stagniert dagegen.

Rückverfolgbarkeit = Sicherheit

Für die Tierhalter und die Unternehmen der Futtermittelindustrie gäbe es nichts Schlimmeres als einen Futtermittelskandal. Um das zu vermeiden arbeiten zahlreiche Unternehmen freiwillig nach dem Swiss Feed Production Standard© (SFPS).

Darin werden Anforderungen an eine gute Verfahrenspraxis für Unternehmen festgelegt welche Futtermittel produzieren, einführen, befördern und lagern. So soll die Sicherheit und Qualität von Futtermitteln und die Rückverfolgbarkeit gewährleistet werden. Eine Mehrheit der Futtermühlen hat darüber hinaus ein Qualitätsmanagement-System (Bsp. ISO 9001:2008). Das scheint zu funktionieren. Während im Ausland immer wieder mal Dioxin, Aflatoxin und dergleichen mehr in Futtermitteln gefunden wurden, blieb die hiesige Futtermittelbranche vor ähnlichen Skandalen verschont.

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