17.05.2015 07:44
Quelle: schweizerbauer.ch - sum
Milchvieh
Mit Gras werden nicht alle Kühe satt
Die Leistung der Nutztiere steigt stetig an. Oftmals kann die Fütterung da nicht mehr Schritt halten. Bei einer Milchkuh mit 100 kg Milch pro Tag wird sie zur Gratwanderung zwischen Azidose und Ketose.

Die Hochschule Luzern hat  1141 Personen gefragt, was ihnen bezüglich Nahrungsmitteln und Landwirtschaft am wichtigsten ist. Gemäss den   Resultaten stehen naturnah produzierte Lebensmittel  an erster Stelle. 

Tierwohl wurde wichtiger

«Die Berücksichtigung des Tierwohls hat bei der Nahrungsmittelproduktion in den letzten Jahren stark an Wert gewonnen», bestätigte Bernard Lehmann, Direktor des Bundesamtes für Landwirtschaft, an einer Fachtagung der ETH, den Vetsuisse-Fakultäten Bern und Zürich und Agroscope.

Gemäss Lehmann werden die Konsumenten künftig neben dem Tierwohl auch die Tiergesundheit stärker gewichten. Darauf müsse der Landwirt reagieren, schliesslich seien sie eine treibende Kraft für die Entwicklung der Nutztierhaltung.

Als wichtigste Veränderung der Zukunft sieht Lehmann allerdings die global wachsende Nachfrage nach tierischen Produkten sowie die mittelfristig knapper werdenden Ressourcen. Diese Entwicklungen führen zu einem stärkeren Fokus auf die Ressourceneffizienz der Produktion. Dies sei auch eine der dringendsten Forschungsfragen im Bereich des Welternährungssystems. «Damit die Herausforderungen erfolgreich gemeistert werden, sind Staat, Forschung und Produktion gefordert», so Lehmann.

Mehr Ferkel als Zitzen

Die ressourceneffiziente Produktion beinhaltet auch eine angepasste Fütterung. Wobei die Leistung der Tiere in den letzen Jahren züchterisch stark weiterentwickelt wurde. «Tierzucht ist unheimlich effizient», befand Michael Kreuzer, Professor an der ETH, «das hat Konsequenzen für die Tierernährung.» Es gibt laut Kreuzer heute Sauen mit mehr Ferkeln als Zitzen, obwohl es  gelungen sei, die Zahl der Zitzen von 14 auf 16 zu erhöhen. Es gibt Mastschweine mit extremer Muskelbildung und fast fettfreiem Fleisch, es gibt Milchkühe mit über 100kg Milch pro Tag, Schafe mit mehr Drillings- als Einlingsgeburten, Mastpoulets mit einer Schlachtreife von weniger als fünf Wochen oder Legehennen, die mehr als ein Ei pro Tag legen.

An diese Entwicklungen muss sich die Tierernährung anpassen. Bedarfsnormen, die vor Jahren noch Gültigkeit hatten, stimmen nicht mehr. Doch   die Anpassung der Bedarfsnormen sei   nicht einmal das grösste Problem, warnte Kreuzer: «In einer Reihe von Fällen ist es gar nicht mehr möglich, für die heutigen Genotypen bedarfsgerechte Rationen zu erstellen. Die Fütterung der Milchkuh  mit 100 kg Milch pro Tag ist eine Gratwanderung zwischen Azidose und Ketose.» Zwar könne man beim Milchvieh auf Rassen mit einer tieferen Leistung wie Original Braunvieh oder Simmentaler ausweichen. «Soll aber dennoch auf Hochleistung gesetzt werden, reicht eine Grundfutterration über weite Teile der Laktation nicht.»

Energie und Nährstoffe

Diese Meinung teilte Josef Gross von der Vetsuisse-Fakultät Bern. Die bedarfsgerechte Versorgung von Hochleistungskühen sei auf energie- und nährstoffreiche Futtermittel   angewiesen. Das Grundfutter spiele in  der Fütterung immer noch eine wichtige Rolle, und es werde gerade im Zusammenhang mit der graslandbasierten Milch- und Fleischproduktion (GMF) oft als besonders tiergerecht dargestellt. «Es bleibt aber unklar, ob eine ausschliessliche Grasfütterung und damit eine bewusst unausgewogene Ernährung den Stoffwechsel und das Wohlbefinden bei Hochleistungskühen derart negativ beeinflusst, dass auch Tierschutzkriterien verletzt werden.»

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