13.02.2018 17:48
Quelle: schweizerbauer.ch - blu
Milchmarkt
Umfrage: Was bringt Label «Fair»?
Neun Bäuerinnen und Bauern haben vergangene Woche das Label «Fair» vorgestellt. Dieses soll den Produzenten einen Netto-Preis von 75 Rappen je Kilo Milch garantieren. Zu kaufen gibt es die Milch (noch) nicht. Was denken Sie über das Label? Wird es ein Erfolg oder ein Rohrkrepierer? Mitdiskutieren und abstimmen

Auf dem geschichtsträchtigen Toni-Areal – bis 1999 wurden dort täglich bis zu einer Million Kilo Milch verarbeitet - traten 9 Bäuerinnen und Bauern vor die Medien und präsentierten ihre Idee einer «fairen Milch». 

Mindestens 75 Rappen

Die Initianten kommen aus der gesamten Schweiz, ihre Botschaft ist eindeutig. «Vom Verkauf der Milch möchten wir und unsere Familien leben können. Häufig erhalten wir aber nur etwas über 50 Rappen je Kilo Milch. Das reicht nicht zum Überleben», sagte Bäuerin Priska Wismer-Felder stellvertretend für ihre Kolleginnen und Kollegen.

Ein fairer Milchpreis muss gemäss den Initianten 20 bis 30 Rappen über dem heutigen Preisniveau zu liegen kommen. Mit dem Label «Fair» sollen mindestens 75 Rappen je Kilo Milch netto für den Milchbauern garantiert werden. Damit könnten Bauern auch wieder Rücklagen generieren und somit auch Ersatz- und Neuinvestitionen tätigen, so die Initianten. Heute würden vor allem der Zwischen- und Detailhandel den Hauptgewinn abschöpfen, betonen sie.

BTS, Raus, GVO-frei und ohne Palmöl


Unterstützung erhalten die Initianten von der Dachorganisation der Milchbauern, den Schweizer Milchproduzenten. Für die SMP gehe es darum, dass die Milchproduzenten gerecht entlöhnt werden, sagte SMP-Direktor Stephan Hagenbuch gegenüber «Schweizer Bauer». Die Wertschätzung der täglichen Arbeit und der Milch soll gefördert werden. Die Initiative «Fair» betreffe nicht nur die Initianten, sondern alle Milchproduzenten in der Schweiz. Hagenbuch betont: «Die Arbeit machen die Initianten. Sie treffen die Entscheidungen.» 

Die Konsumenten seien durchaus bereit, für Milch mehr zu bezahlen, wenn der Aufpreis den Bauern zu Gute käme, sind sich die Initianten sicher. Um die Konsumenten und Detailhändler zu überzeugen, sollen die Vorschriften in Sachen Tierwohl verschärft werden. Um am Label «Fair» teilnehmen zu können, müssen Betriebe die Anforderungen «besonders tierfreundliche Stallhaltung (BTS)», «regelmässigen Auslauf ins Freie (Raus)» sowie Futter verfüttern, das weder genverändert noch palmölhaltig ist, erfüllen.

Grossverteiler zurückhaltend

Um einem Label den Durchbruch zu verschaffen können, müssen Absatzkanäle erschlossen werden. Diese fehlen bisher. Das Label «Fair» gibt es (noch) nicht zu kaufen. Die Grossverteiler geben sich verhalten. Man führe bereits acht verschiedene Milchlabels im Sortiment, teilt Migros gegenüber Radio SRF. Eine Lancierung eines weiteren Labels würde «sicher sorgfältig geprüft». 

Coop gibt sich bedeckt. Jeder dritte Liter Konsummilch sei eine «Mehrwertmilch» mit einem Qualitätslabel (Bio. Demeter, Pro Montagna). Dafür zahle Coop bereits einen «deutlich höheren Milchpreis».

Bäuerliche Kritik


Kritik erwächst den Initianten auch aus den eigenen Reihen. Ein Milchbauer sagt gegenüber «20 Minuten», dass beim Milchpreis jeder Rappen zähle. 80 Rappen seien das Minimum. Labels, die diesen Wert nicht einhalten, würden den Begriff «fair» verwässern. Werner Locher, Präsident der Genossenschaft «di fair Milch Säuliamt», äussert sich auch kritisch zum Label «Fair»: «Ich finde es problematisch, dass die SMP ein «Fair»-Gütesiegel unterstützen, welches fast drei Viertel ihrer Mitglieder ausschliesst», sagt er gegenüber «Schweizer Bauer».

Beim Label «Fair» ausgeschlossen wären auch Betriebe mit Anbindestall, da BTS Pflicht ist. Rund 60 Prozent der Schweizer Kühe werden noch in einem Anbindestall gehalten. Überrascht von den Anforderungen des Labels zeigte Konrad Klötzli, Präsident der IG Anbindestall. Das Tierwohl im Anbindestall sei jedenfalls ebenbürtig mit dem im Laufstall. Und: «Der Konsument wisse gar nicht, was die Tierwohlprogramme BTS und Raus bedeuten», gibt Klötzli gegenüber «Schweizer Bauer» zu bedenken.

Ähnliche Bedeutung wie Max Havelaar erlangen

Kritik kommt auch von Konsumentenorganisationen. «Es gibt so viele Labels, dass kaum jemand mehr weiss, was dahintersteckt», sagte Babette Sigg, Präsidentin des Konsumentenforums, vergangene Woche gegenüber «20 Minuten». Sinnvoller aus der Sicht von Sigg wäre es, ein einheitliches, schweizweites Label einzuführen.

Das will die Initiative «Fair» erreichen. Man stehe aber noch am Anfang. «Wir hoffen, dass das Label in der Schweiz eine ähnliche Bedeutung erlangt wie etwa Max Havelaar», hält Priska Wismer-Felder gegenüber «20 Minuten fest».

Was denkt Ihr? Kann das Label «Fair» am Schweizer Milchmarkt etwas bewirken? Oder sind die Anforderungen zu streng? Mitdiskutieren und abstimmen.

«Di Fair Milch»

Die Bäuerliche Interessen-Gruppe für Milchmarkt (BIG-M) rief im Dezember 2017 «Di fair Milch Säuliamt» ins Leben. Seither wird sie in Volg-Läden  verkauft. Der Produzentenpreis dürfte zwischen 75 und 80 Rappen zu liegen kommen. Die Betriebe müssen mit ihren Tieren an einem der beiden Tierwohlprogramme BTS und Raus teilnehmen. hal

«Fairmilk»

Das erste Schweizer Label für faire Milch führte Aldi im Juli 2017 ein. Die Milch zum Verkaufspreis von 1.49 Franken soll fair für Konsumenten, Kühe und Bauer sein. Die Milchproduzenten erhalten dafür 70 Rappen. Die Kühe müssen nach BTS und Raus gehalten werden. hal

SCHWEIZER BAUER
BEKANNTSCHAFTEN
DER SCHWEIZER BAUER AUF YOUTUBE