16.03.2016 08:07
Quelle: schweizerbauer.ch - AgE
Deutschland
D: Milchindustrie sieht wenig Hoffnung
Wenig Hoffnung auf eine schnelle Trendwende am Milchmarkt hat der stellvertretende Vorsitzende des Milchindustrie- Verbandes (MIV), Hans Holtorf. Im Rahmen des Berliner Milchforums 2016 bezeichnete Holtorf die bestehende Marktlage am vergangenen Freitag in Berlin als „äusserst schwierig“.

Angebot und Nachfrage seien nicht im Gleichgewicht, da der verstärkten Milchanlieferung innerhalb und ausserhalb der EU eine stockende Nachfrage auf wichtigen internationalen Märkten gegenüberstehe. Nach Holtorfs Einschätzung dürfte sich die Marktlage auch in den nächsten Monaten schwierig gestalten.

Molkereien haben Reserven aufgebraucht

Ihm zufolge kommen die milchreichen Monate in Europa erst noch. Es sei vorerst weder in der EU noch am Weltmilchmarkt mit einer deutlichen Verringerung des Angebots zu rechnen. Da viele Molkereien ihre Reserven inzwischen aufgebraucht hätten, stünden sie nun voraussichtlich vor teilweise starken Einschnitten bei der Auszahlungsleistung.

Der stellvertretende MIV-Vorsitzende hält bei einzelnen Molkereien bis zur Jahresmitte einen Rückgang der Auszahlungspreise auf Interventionsniveau für möglich. Ob daher der Durchschnittspreis des Vorjahres von rund 29 Cent/kg (31,9 Rp./kg) bei 4,0 % Fett in diesem Jahr wieder erreicht werden kann, bleibt nach seiner Einschätzung abzuwarten.

Bauernverband kündigt Aktionen an

Auch der Vizepräsident des Deutschen Bauernverbandes (DBV), Udo Folgart, rechnet in den kommenden Monaten mit weiteren Preiskorrekturen. Er verwies in Berlin auf die zunehmend desolate Lage der deutschen Milchbauern und kündigte vor diesem Hintergrund öffentlichkeitswirksame Aktionen des Bauernverbandes an, mit denen dieser die übrigen Beteiligten der Wertschöpfungskette an ihre Verantwortung erinnern wolle.

Kritik an finanzierten Prämien für Lieferverzicht

Da er kurzfristig nicht von einem deutlichen Nachfrageplus ausgeht, sieht Holtorf derzeit nur in einer Angebotssenkung die Chance zur Stabilisierung des Marktes. Diese sollte aber aus einzelbetrieblichen Entscheidungen resultieren. Staatlichen Eingriffen in die Mengenentwicklung erteilte er hingegen genauso eine Absage wie einer durch die Molkereien finanzierten Prämie für Lieferverzicht. Das Beispiel einer niederländischen Molkerei habe zu Jahresbeginn gezeigt, dass solche Modelle sehr teuer und von begrenzter Wirksamkeit seien.

Ähnlich äusserte sich Folgart. Als ebenfalls wenig zielführend bezeichnete der DBV-Vizepräsident Boni für Betriebe, die ganz aus der Produktion ausschieden. Solche Schlachtprämien hätten beispielsweise in den USA zwar kurzfristig für weniger Milch gesorgt. Mit höheren Milchpreisen seien die Bestände aber innerhalb kürzester Zeit wieder aufgestockt worden. Zudem seien negative Folgen für den Fleischmarkt nicht auszuschliessen, warnte Folgart.

Gemeinsame Vermarktungsplattformen

Er und Holtorf halten deshalb die Reduzierung der Kosten, politische Erleichterungen sowie die Erschließung neuer Absatzwege für die probaten Mittel zur Marktstabilisierung. Der DBV-Vizepräsident bekräftigte zudem seine Aufforderung an die Molkereien, die Spielräume des Wettbewerbsrechtes besser auszunutzen und ihre Wettbewerbsposition beispielsweise durch gemeinsame Vermarktungsplattformen zu stärken.

Intervention fortsetzen

Holtorf bezeichnete das im Spätsommer 2015 in Brüssel auf den Weg gebrachte LiquiditätshilfeprogramminHöhe von 420 Mio. Euro
(462 Mio. Fr.) im Vergleich zu früheren Zahlungen in ähnlichen Krisensituationen als „Tropfen auf den heissen Stein“. Die rege genutzten Interventionsankäufe von Milchpulver und insbesondere die Erklärung der Kommission, die Ankäufe auch über die bestehenden Mengenschwellen hinaus vorzunehmen, sind dagegen nach seiner Überzeugung wichtige Beiträge zur Marktberuhigung.

Nicht ausschliessen will der stellvertretende MIV-Vorsitzende aber, dass die schlechten Milchpreise viele Milchbauern zum Nachdenken
über den Verbleib in der Produktion anregen werden. In diesem Zusammenhang stellte er fest, dass die wirtschaftlichen Zwänge bisher kaum zu einer Verringerung der Kuhzahlen oder der Produktion beigetragen hätten.

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