26.05.2016 12:48
Quelle: schweizerbauer.ch - Reto Blunier
Deutschland
66% der Milchbauern nicht konkurrenzfähig
Die tiefen Produzentenpreise für Milch belasten die Bauern in ganz Europa. In Deutschland halten 66 Prozent der Milchbauern weniger als 50 Kühe. Wie Zeit Online berichtet, werden viele dieser Betriebe die Krise nicht überleben. Am kommenden Montag findet in Deutschland ein Milchgipfel statt.

Die Lage auf dem deutschen Milchmarkt ist katastrophal. Wegen des Überangebots und der sinkenden Nachfrage in den Exportmärkten liegt der Milchpreis dort aktuell bei 22- 23 Cent je Kilo (24 Rappen), teils gar unter 20 Cent. Für viele Bauern bedeutet dies das Aus – zum Überleben benötigen sie mindestens den doppelten Preis.

Preiskampf für Bauern verheerend

Im Detailhandel grassiert ein regelrechter „Preiskrieg“. Nirgendwo seien die Preise in Europa für Milch so tief wie in Deutschland, betont Holger Thiele, Direktor des Instituts für Ernährungswirtschaft in Kiel, gegenüber Zeit Online. Ein Liter Vollmilch kostet bei den Discountern weniger als 50 Cent (55 Rappen). Anfang Mai hatte der Discount-Marktführer Aldi die Preise für einen Liter frische Vollmilch von 59 auf 46 Cent heruntergesetzt - das hat Signalwirkung für den gesamten Handel. Detailhändler wie Rewe und Edeka haben beim Preiskampf mitgezogen.

Für die Milchbauern ist die Entwicklung verheerend. Derzeit sind gemäss dem Verband der Milchindustrie noch 72‘000 Betriebe in der Milchproduktion tätig, insgesamt halten sie 4,3 Millionen Kühe.

Mindestens 40 Cent benötigt

Gemäss Urban Hellmuth, Professor für landwirtschaftliches Bauen, Landtechnik und Tierhaltung an der Fachhochschule Kiel, werden es unter diesen Bedingungen Betriebe mit weniger als 100 Kühen besonders schwer haben. Vor allem dann, wenn sie den bestehenden Stall umbauen oder einen Neubau erstellen wollen.

Der Experte rechnet vor: Baut ein Landwirt mit weniger als 100 Kühen einen neuen Stall, so muss er pro Kuh und Jahr mit Kosten zwischen 800 und 1400 Euro (880 bis 1540 Franken), Abschreibungen und Zinsen inklusive, kalkulieren. Um das zu finanzieren, benötige der Milchbauer aber einen Milchpreis von mindestens 40 Cent (44 Rp.) pro Kilo, so Hellmuth.

Wenig Alternativen

Grosse Betriebe mit mindestens 100 Kühen, erklärt der Professor, zahlten für ihre Ställe pro Kuh und Jahr weniger als die Hälfte. Das düstere Fazit von Urban Hellmuth: Betriebe mit weniger als 50 Kühe, also zwei Drittel aller Betriebe in Deutschland, seien nicht konkurrenzfähig. In Holland sei der Strukturwandel bereits weiter fortgeschritten.

Was schlagen die Experten vor: Der Biomilchsektor habe noch Potenzial, erklärt Holger Thiele. Doch die Umstellung ziehen Kosten nach sich. Zudem ist der Milchpreis während der Umstellungsphase nicht höher. „Zudem besteht die Gefahr, dass zu viele Betriebe umstellen und der Preisaufschlag dahinschmilzt“, warnt Thiele gegenüber der „Zeit“.

Wenig Potenzial ortet er auch in der Weidemilch. Diese bringt gemäss dem Direktor des Ernährungswirtschaftsinstituts Kiel nur einen um 1,5 Cent höheren Preis.

„Quote bringt nicht viel“

Die Bauern müssten sich wohl oder übel mit den niedrigen Weltmarktpreisen arrangieren, so Thiele. "Es gibt statistische Analysen, die zeigen, dass der durchschnittliche deutsche Milchpreis zu mehr als 80 Prozent von den Schwankungen des Weltmarktpreises beeinflusst wird." Das bedeutet gemäss Thiele, dass sich die Milchbauern nicht von der internationalen Überschussproduktion unabhängig machen könnten.

Da in der EU, vor allem die Niederlande und Irland, die Milchmengen seit dem Ende der Milchquote im April 2015 ausgedehnt haben, dürfte sich die Situation weiter verschärfen. Einer Wiedereinführung einer Quote bringt den Bauern gemäss Thiele nicht viel, da die europäische Mengenbeschränkung verpufft und der Preiseffekt nur sehr klein wäre. Er schlägt günstige Hilfskredite oder höhere Direktzahlungen vor. Das Problem ist jedoch, dass sich die Länder in der EU auf gemeinsame Massnahmen einigen müssen.

Düstere Prognosen

Thiele wie Hellmuth sehen für viele Milchbauern ganz dunkle Wolken am Milchhimmel aufziehen. Urban Hellmuth ist sich sicher, dass kleinere Milchbauern nur mit zusätzlichen Standbeinen – beispielsweise im Agrotourismus – eine Chance haben.

Holger Thiele fürchtet, dass angesichts der derzeitigen Niedrigpreise viele weitere Bauern ihre Höfe aufgeben werden. Auch jene, die unter normalen Umständen rentabel arbeiten könnten. Einen Hoffnungsschimmer hat er: Er hofft, dass sich der Detailhandel von der Billigpreisstrategie verabschiedet.

Erste Anzeichen gibt es: Der Detailhändler Edeka Südwest will dem Preisverfall entgegenwirken und gibt regionalen Landwirten künftig eine Preisgarantie. Den Milchbauern wird ein stabiler Milchpreis zugesichert. Damit soll dem Abwärtstrend des Milchpreises entgegengewirkt werden. Ob weitere Detailhändler, vor allem auch die Discounter, mitziehen, wird sich weisen.

Lösungen am Milchgipfel?

Am kommenden Montag findet in Deutschland ein Milchgipfel statt. Agrarminister Christian Schmidt wird sich mit Bauern, Händlern und Verarbeitern an einen Tisch setzen. Schmidt ist gegen eine Wiedereinführung einer Quote. Auch bei ihm liegt der Schlüssel in einer tieferen Produktion. Er will den Bauern mit Steuererleichterungen und Liquiditätshilfen zur Seite stehen.

Zentrale Forderung der Milchbauern ist es auch, dass weniger Milch erzeugt wird. Doch sie wollen andere Massnahmen. Die Regierung müsse die Bauern mit finanziellen Anreizen dazu bewegen, weniger Milch zu erzeugen. "Wir fordern 30 Cent für jeden nicht produzierten Liter", sagte Romuald Schaber vom Bundesverband Deutscher Milchviehhalter (BDM).

Der Handel argumentiert, dass er nicht verantwortlich für die Überproduktion ist. Ob es gelingt, ein Weg aus der Krise zu finden, wird sich weisen. Oder können sich die Deutschen gar an den Schweizern orientieren? Der Milchgipfel in Bern findet am Freitag statt.

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