9.01.2015 06:18
Quelle: schweizerbauer.ch - sda
USA
Ölpreis-Verfall als Jobkiller
Die sinkenden Ölpreise könnten den Fracking-Boom in den USA abwürgen und zahlreiche Arbeitsplätze vernichten. Aber der Preisverfall hat für die Wirtschaft der USA nicht nur Schattenseiten.

Als Marcus Benson aus der Ostküstenmetropole Philadelphia 2012 von der boomenden Energiewirtschaft in North Dakota erfuhr, setzte er sich kurzerhand ins Auto, fuhr mehr als 2400 Kilometer, um bei der Öl-Förderung mitzumachen.

Fracking rentiert nicht mehr

Der 28-Jährige, der sich bis dahin mit schlecht bezahlten Gelegenheitsjobs durchgeschlagen hatte, fand sofort eine attraktive Stelle. In der Ölindustrie verdiente er rasch 30 Dollar pro Stunde. «Das war verrückt», sagte Benson dem US-Sender CNN. Ende 2014 kam jedoch die Kündigung. «Sie sagten, der Hauptgrund sei der fallende Ölpreis.»

Benson steht stellvertretend für viele, die es in den letzten Jahren in US-Ölstaaten wie North Dakota oder Texas zog, wo sie von der Fracking-Revolution profitieren wollten. Dank dieser - ökologisch höchst umstrittenen - Fördertechnik, bei der tief lagerndes Schiefergas und -öl mit Chemikalien gelöst wird, produziert Amerika wieder so viel Öl wie seit den 1970er Jahren nicht mehr.

Ölindustrie einer der grössten Stabilisatoren

Die gestiegene US-Förderung hat zu einem weltweiten Überangebot an Rohöl geführt. Denn andere grosse Produzenten wie Saudi-Arabien wollen ihre Marktanteile verteidigen und drosseln ihre Produktion nicht. Die Konsequenz: ein massiver Ölpreisverfall, durch den sich das Geschäft für immer mehr Frackingfirmen nicht mehr rechnet. Investitionen in neue Projekte werden gestrichen, Mitarbeiter gekündigt. Unternehmen, die zuviele Schulden haben, droht die Pleite.

Finanzanalysten führen diese Auswirkungen der sinkenden Ölpreise zuletzt häufig als Grund für Unsicherheiten an den internationalen Börsen an. Die Ölindustrie sei in den vergangenen Jahren einer der grössten Stabilisatoren des US-Arbeitsmarktes gewesen. Der Energiesektor sei eine wichtige Stütze der US-Konjunktur. Und die Öl-Jobs würden in der Regel gut bezahlt, heisst es. Wie problematisch sind die Folgen des abflauenden Schiefer-Booms für die weltgrösste Volkswirtschaft?

Nutzen für Konsumenten überwiegt

«Die positiven Effekte der niedrigeren Ölpreise für Konsumenten und viele Unternehmen überwiegen die Nachteile für die Energiefirmen bei weitem», sagt Expertin Liz Annn Sonders von der Investmentberatung Charles Schwab. «Die US-Wirtschaft wird zu 68 Prozent von Verbraucherausgaben getrieben.» Die Neuinvestitionen in der Öl- und Gasindustrie machten hingegen nur etwa ein Prozent am US-Bruttoinlandsprodukt aus.

Die sinkenden Energiepreise wirken deshalb wie ein Konjunkturpaket und nicht wie eine Wachstumsbremse. Je günstiger das Öl, desto geringer die Produktionskosten vieler Firmen. Konsumenten haben mehr Geld übrig, weil sie weniger für Benzin und Heizen ausgeben. Somit ist der fallende Ölpreis für die Wirtschaft der USA insgesamt eine gute Nachricht - auch wenn das für Glücksritter wie Benson, der sich gerade arbeitslos gemeldet hat, ein schwacher Trost sein dürfte.

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