9.06.2017 07:04
Quelle: schweizerbauer.ch - sda
Geldpolitik
Endet die Geldschwemme bald?
Zarter Hoffnungsschimmer für Sparer im Euroraum und für die Schweizerische Nationalbank (SNB): Erstmals gibt die EZB Hinweise auf einen Einstieg in den Ausstieg aus ihrer ultralockeren Geldpolitik. Bis die Zinsen steigen, dürfte es allerdings noch dauern.

Europas Währungshüter tasten sich an ein Ende ihrer Billiggeldschwemme heran. Zugleich warnte der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB), Mario Draghi, aber vor übertriebenen Erwartungen auf ein schnelles Ende der Niedrigzinsen. «Ein aussergewöhnliches Mass an geldpolitischer Unterstützung ist immer noch nötig», sagte Draghi nach der auswärtigen Sitzung des EZB-Rates am Donnerstag in der estnischen Hauptstadt Tallinn.

Hinweis auf Zinssenkungen gekippt

Den Leitzins im Euroraum beliess der Rat auf dem Rekordtief von null Prozent. Parken Finanzinstitute überschüssiges Geld bei der EZB, müssen sie dafür unverändert 0,4 Prozent Strafzinsen zahlen. Für den Kauf von Staats- und Unternehmensanleihen will die Notenbank bis mindestens zum Jahresende weiter monatlich 60 Milliarden Euro aufwenden.

Erstmals gab die EZB aber vorsichtige Hinweise auf einen Einstieg in den Ausstieg. Die Notenbank beurteilte die Wachstumsrisiken für den Euroraum als «weitgehend ausgeglichen» statt «abwärtsgerichtet» und betont die verbesserten konjunkturellen Rahmenbedingungen stärker. Zudem verzichteten die Währungshüter auf den Hinweis auf mögliche weitere Zinssenkungen. Beides gilt unter Ökonomen als erstes Signal, dass sich die Währungshüter allmählich an eine Normalisierung ihrer Geldpolitik herantasten.

Kritik aus Deutschland


Kritik am EZB-Kurs kommt seit langem aus wirtschaftlich starken Ländern wie Deutschland. Denn Sparer bekommen kaum noch Zinsen, Banken tun sich mit dem Geldverdienen schwer. Allerdings profitieren auf der anderen Seite Kreditnehmer von günstigen Konditionen - zum Beispiel beim Kauf von Häusern und Wohnungen. Ökonomen erwarten, dass die EZB schrittweise erst das Anleihenkaufprogramm («Quantitative Easing»/QE) zurückfahren wird und dann - womöglich erst 2019 - die Zinsen allmählich anheben wird.

Wohl erst wenn die EZB ihre geldpolitischen Zügel strafft, kann auch die Schweizerische Nationalbank (SNB) nachziehen. Mit Negativzinsen und Interventionen am Devisenmarkt stemmt sich diese gegen die Schwäche des Euro gegenüber dem Franken. Am Donnerstagnachmittag bewegte sich der Euro-Wechselkurs zum Franken mit 1,0858 immer noch deutlich unter der Marke von 1,10 Franken. Vor dem EZB-Entscheid hatte ein Euro am Morgen zeitweise 1,0876 Franken gekostet. Die SNB veröffentlicht ihre geldpolitische Lagebeurteilung am kommenden Donnerstag.

Teuerungsrate antreiben

Das viele billige Geld der EZB soll im Idealfall die Konjunktur anschieben und die Teuerungsrate nachhaltig in Richtung der EZB-Zielmarke von knapp unter 2,0 Prozent treiben - weit genug weg von der Nulllinie. Dauerhaft niedrige Preise auf breiter Front gelten als Risiko für die Konjunktur: Unternehmen und Konsumenten könnten Investitionen aufschieben, in der Hoffnung, dass es noch billiger wird.

Im Mai lagen die Konsumentenpreise im Euroraum nach Zahlen des europäischen Statistikamts Eurostat um 1,4 Prozent über dem Vorjahreswert. Die Kerninflation ohne schwankungsanfällige Energie- und Lebensmittelpreise erreichte 0,9 Prozent. Vor allem wegen der niedrigen Ölpreise werden die Konsumentenpreise nach Einschätzung der EZB allerdings langsamer steigen als zuletzt erwartet. Für das laufende Jahr rechnet die Notenbank nun mit einer Teuerungsrate von 1,5 Prozent (März-Prognose: 1,7 Prozent). Auch für 2018 und 2019 senkten die Währungshüter ihre Prognose.

Der Wirtschaft im Euroraum traut die Notenbank indes ein stärkeres Wachstum zu als noch im März. Für das laufende Jahr erwartet sie nach einem schwungvollen Auftakt einen Zuwachs von 1,9 (1,8) Prozent beim Bruttoinlandsprodukt (BIP). Im ersten Quartal hatte die Wirtschaft in den 19 Ländern des Währungsraums nach Angaben von Eurostat um 0,6 Prozent zum Vorquartal zugelegt. Auch 2018 und 2019 rechnet die Notenbank mit einem kräftigeren Plus als noch im Frühjahr.

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