22.09.2016 16:10
Quelle: schweizerbauer.ch - sda
Geldpolitik
Billiges Geld als Risiko
Die Zeit des billigen Geldes nimmt kein Ende. In den USA zögert die Notenbank trotz brummender Wirtschaft eine Zinserhöhung weiter hinaus. Und in Tokio und Brüssel gehen die milliardenschweren Wertpapierkäufe weiter. Die Börsen drohen zu überhitzen.

«Das Problem mit Spekulationsblasen ist, dass man sie meist erst dann als solche erkennt, wenn sie platzen», sagt Ökonom Bernd Krampen von der NordLB. Bei Aktien, Anleihen oder Immobilien seien bereits Preisverzerrungen zu beobachten, die die Zentralbanken nur sehr behutsam korrigieren könnten.

Jahrelanger Boom

Der jahrelange Boom an den US-Aktienmärkten lässt die Vermögenswerte vieler Amerikaner inzwischen wieder auf schwindelerregende Höhen steigen. Commerzbank-Ökonom Bernd Weidensteiner weist darauf hin, dass der Preisanstieg bei Finanztiteln oder Immobilien das Bruttovermögen der privaten Haushalte auf fast 750 Prozent des verfügbaren Einkommens habe hochschnellen lassen.

«Es ist beinahe wieder so hoch wie auf dem Höhepunkt der Immobilienblase 2005/2006.» Kritiker verweisen darauf, dass die US-Notenbank Fed den Leitzins ab 2004 viel weniger anhob als notwendig. Die Folge: 2007/2008 platzte eine riesige Blase und der Kollaps der US-Bank Lehman Brothers brachte die Weltwirtschaft ins Wanken. Die Notenbanken sind bis heute mit den Aufräumarbeiten beschäftigt.

Kritik wächst

Trotz Aufschwungs hält die Fed den Leitzins niedrig. Er liegt seit Dezember 2015 in einer Spanne zwischen 0,25 und 0,5 Prozent. Mit dem Ankauf von Wertpapieren hat die Notenbank ihre Bilanz auf 4,5 Billionen Dollar aufgebläht. Bond-Guru Bill Gross von der Fondsgesellschaft Janus Capital wirft ihr vor, das Fundament der Weltwirtschaft zu untergraben: «Kapitalismus kann mit Nullzins und einem negativen Preisschild bei den Renditen nicht funktionieren», argumentiert der Manager, der einst den grössten Anleihefonds der Welt, Pimco Total Return, führte.

Fed-Chefin Janet Yellen und die anderen Notenbanker hätten dafür gesorgt, dass aus Vermögenswerten Verbindlichkeiten geworden seien, sagt Gross. Die Hoffnung, dass die grosse Geldflut die Wirtschaft in Gang bringe, werde sich dennoch nicht erfüllen. Als abschreckendes Beispiel dafür gilt ihm Japan, das trotz immer neuer Konjunkturspritzen und negativer Leitzinsen seit Jahrzehnten in der Krise steckt.

BIZ schlägt Alarm

Der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) zufolge sind weltweit Staatsanleihen im Volumen von 14 Billionen Dollar ein Verlustgeschäft - mehr als ein Drittel aller von OECD-Mitgliedern ausgegebenen Papiere: «Diese nie dagewesene Situation erzeugt eine Anzahl von Verzerrungen und Risiken.»

Auch die für ihre Zurückhaltung bekannte Zentralbank der Notenbanken in Basel schlägt angesichts solcher Entwicklungen Alarm. Sie rät Währungshütern, mit ihrer laxen Geldpolitik nicht zu überziehen. Sie sollten stattdessen lernen, mit geringen Inflationsraten zu leben. Die von 60 Notenbanken getragene Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) warnt zugleich vor überzogenen Aktienkursen und wachsenden Risiken für die Stabilität der Börsen.

Draghi muss sich erklären

Nach Einschätzung von Deutsche-Bank-Chef John Cryan richtet die ultralockere Geldpolitik mittlerweile mehr Schaden an als sie nutzt. So hat die EZB den Leitzins auf Null gesenkt und verlangt Strafzinsen von Geldhäusern, die über Nacht Geld bei ihr parken. Es könne nicht sein, dass die Finanzaufseher höhere Sicherheitspolster von den Banken forderten, für diese zusätzlichen Reserven dann aber Strafzinsen verlangten, kritisiert Cryan und fordert einen Ausstieg aus den Minuszinsen. Auch für Sparer und deren Altersvorsorge sei die aktuelle Geldpolitik «fatal».

Mit solchen Argumenten dürfte EZB-Chef Mario Draghi am 28. September im Bundestag konfrontiert werden, wenn er vor die Abgeordneten tritt. Seit Beginn der EZB-Anleihekäufe im März 2015 fiel die Rendite der zehnjährigen Papiere des Bundes von etwa plus 0,3 Prozent zeitweise auf ein Rekordtief von minus 0,204 Prozent. Versicherungen und Pensionsfonds, für die Staatsanleihen ein wichtiges Anlage-Instrument sind, leiden unter dem Minus-Zins.

Haushaltsdisziplin untergraben

Bundesbankchef Jens Weidmann sieht zudem die Gefahr, dass die EZB mit der lockeren Geldpolitik die Haushaltsdisziplin der europäischen Krisenstaaten untergräbt. Länder mit hohen Schulden könnten sich in der trügerischen Gewissheit wiegen, dass die Notenbank es richte: «Die Schuldenberge können spätestens dann zum Problem werden, wenn die Zinsen wieder steigen. Denn dann sind sie möglicherweise nicht mehr tragfähig.»

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