26.08.2016 10:37
Quelle: schweizerbauer.ch - Raphael Bühlmann
Liquidität
«Reagiert wird oft viel zu spät»
Können Landwirte ihre Rechnungen effektiv nicht mehr bezahlen, kann das viele Ursachen haben. Es bedeutet nicht zwingend, dass ein Betrieb nicht wirtschaftlich ist. In jedem Fall muss die Ursache gefunden werden.

«Schweizer Bauer»: Angesichts der anhaltenden tiefen Produzentenpreise scheint den Betrieben das Geld auszugehen. Können Sie dies bestätigen?
Emil Steingruber: Ja. Ich betreue heute zunehmend mehr Betriebe, die in finanzielle Engpässe geraten sind.

Um welche Art Betrieb handelt es sich dabei eher?
Es sind oft Konsummilchbetriebe. Hauptursache für den Liquiditätsengpass ist aber nicht nur der Produktionszweig.

Sondern?
Dass ein Betrieb in Zahlungsschwierigkeiten kommt, zeichnet sich bereits Monate, wenn nicht Jahre vorher ab. Nur werden die Alarmzeichen von den Betroffenen nicht erkannt oder ignoriert. Reagiert wird erst, wenn die Rechnungen effektiv nicht mehr bezahlt werden können. Viel zu spät also.

Welches sind diese Signale?
Im Auge behalten muss man den sogenannten Free Cashflow. Also die freien Mittel abzüglich sämtlicher Tilgungen und Investitionen. Fällt dieser in den ungenügenden Bereich, ist das sicher ein Warnsignal. Oft werden aber halt die Buchhaltungen im Sinne eines nötigen Übels erledigt, ohne dass die Zahlen als wichtige Entscheidungsgrundlage herangezogen werden. Hier ist ein guter Treuhänder oder eine Beratung im wahrsten Sinne Gold wert.

Was aber passiert, wenn es soweit kommt, dass ein Betrieb seine Rechnungen einfach nicht mehr bezahlen kann?
Wenn der Verschuldungsgrad es zulässt, kann die Hypothek im Rahmen der Belastungsgrenze erhöht werden. Eine weitere schnelle Massnahme ist, ein Kontokorrent einzurichten. Viel wichtiger aber ist, dass der Betrieb langfristig aus dem Liquiditätsengpass herauskommt, was oft sehr lange dauern kann und nicht einfach ist.

Bei der von Ihnen angesprochenen Milchproduktion ist der Ausstieg eine Möglichkeit?
Die Desinvestition ist sicher eine Variante. Aber Vorsicht, denn, die verbleibenden Strukturkosten müssen auch gedeckt sein, eine mögliche Umstellung auf Mutterkuhhaltung ist auch wieder mit Investitionen verbunden, und die freiwerdende Arbeit muss irgendwie kompensiert werden können.

Eine weitere Möglichkeit könnte doch auch sein, Maschinen zu verkaufen und vermehrt Dienstleistungen einzukaufen?
Kann sein. Aber auch dies muss sehr gut gerechnet werden. Wenn ich in den Futterbaubetrieben die Kosten für das Pressen und Wickeln von Siloballen, welche vom Lohnunternehmer durchgeführt werden, sehe – das sind teils happige Positionen, welche sicher einen Geldabfluss nach sich ziehen. 

Ist es in der heutigen Zeit noch eine Möglichkeit, bei Bekannten und Verwandten um Darlehen zu fragen?
Ja, durchaus. Gerade heute, da man auf den Sparheften gar nichts mehr erhält. Oft ist aber die wichtigere Frage, in welcher Zeit ein Darlehen zurückbezahlt werden muss.

Es gibt ja im Rahmen der sozialen Begleitmassnahmen die Möglichkeit der Umschuldung oder Umschulung.
Ja aber bei den heutigen tiefen Zinsen der Banken bringt eine Ablösung der Bankschuld gegen ein zinsloses Darlehen wenig. Eine Umschulung muss von langer Hand geplant sein. Beide Massnahmen bringen kurzfristig wenig.

Und wenn alle Stricke reissen?
Als letzte Option bleibt nur die Liquidation oder Teilliquidation.

Welche Rolle spielen die Direktzahlungen bei der Frage der Liquidität?
Eine sehr wichtige. Den Beträgen stehen keine direkten Kosten gegenüber, und sie stehen den Betrieben zur unmittelbaren Deckung der laufenden Rechnungen zur Verfügung. Sollten diese wie vom Bundesrat vorgeschlagen gekürzt werden, hat dies massive Konsequenzen für einige Betriebe.

Wie schätzen Sie die Gefahr steigender Zinse ein?
Die Gefahr besteht natürlich. Aber ich habe keine Indizien, dass sie steigen sollten. Aber ich kann Ihnen sagen, dass wenn diese um nur ein Prozent steigen, die Direktzahlungen gekürzt werden sollten und die Produzentenpreise da bleiben, wo sie heute sind, dann haben nicht nur einzelne Betriebe ein Problem! Schlussendlich sind dies aber alles mögliche Szenarien, die Betriebsleiter in Rechnung haben müssen.

Welche Empfehlungen punkto Liquidität können Sie sonst noch geben?
Gar nicht erst in Zahlungsschwierigkeiten kommen. Zahlungsengpässe haben immer einen Grund. Diesen gilt es zu erkennen. Kein Geld auf dem Konto bedeutet eigentlich schlechte Betriebsführung. Denn die Liquidität ist für einen Betrieb wie der Sauerstoff für einen Körper. Ein Mangel ist unter allen Umständen frühzeitig zu vermeiden, oder dieser hat fatale Folgen. Eine laufende Überwachung der Geldflüsse und eine frühzeitige Beratung sind hier gute Ratgeber.

Zur Person

Emil Steingruber führt eine eigenständige Firma für Unternehmensberatung für Landwirtschaftsbetriebe und nachgelagerte Unternehmen. Seine Dienstleistungen beinhalten die Beratung von Nachfolgeregelungen, Investitions-, Finanzierungs- und Strategiefragen sowie das Coaching von Entscheidungsprozessen. www.es-consulting.ch rab

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