9.02.2018 09:11
Quelle: schweizerbauer.ch - sda
Betriebsführung
Landwirtschaft: Zoff um Arbeitszeit
55 Stunden im Betrieb: Die Arbeitswoche in der Landwirtschaft ist hart. Daran wird sich so schnell nichts ändern: Die Verhandlungen zwischen dem St. Galler Bauernverband und den Arbeitnehmervertretern über einen neuen Normalarbeitsvertrag sind vorerst gescheitert.

«Unter 50 Stunden für alle», das fordert die Arbeitsgemeinschaft Berufsverbände Landwirtschaftlicher Angestellter (ABLA) seit Jahren. Die ABLA ist die Dachorganisation der kantonalen Berufsverbände der landwirtschaftlichen Angestellten.

Eineinhalb arbeitsfreie Tage 

In der Schweizer Landwirtschaft sind rund 30'000 Arbeitnehmende beschäftigt, davon rund zwei Drittel Ausländer. Die Vorschriften des Arbeitsgesetzes, mit einer Höchstarbeitszeit von 45 Stunden, gelten nur, was das Mindestalter betrifft. Die kantonalen Normalarbeitsverträge für landwirtschaftliche Arbeitnehmende richten sich nach den Vorschriften des Obligationenrechts (OR).

Im Kanton St. Gallen stammt der Normalarbeitsvertrag aus dem Jahr 2004. Die tägliche Arbeitszeit beträgt demnach höchstens zehn Stunden. Die Vertragsparteien können unterschiedliche Sommer- und Winterarbeitszeiten vereinbaren. Am Sonntag bleibt die Arbeit auf das Notwendigste beschränkt. Dazu gehören insbesondere Füttern, Melken, Viehpflege, Sicherung der Ernte und notwendige Hausarbeiten. Die Arbeitnehmer haben Anspruch auf eineinhalb arbeitsfreie Tage je Woche. Wenigstens ein arbeitsfreier Tag pro Monat ist ein Sonntag. Mit anderen Worten: In den St. Galler Landwirtschaftsbetrieben arbeiten die Angestellten im Schnitt 55 Stunden pro Woche; auch die Lehrlinge.

Verhandlungen gescheitert

Im vergangenen Sommer hat der St. Galler Bauernverband (SGBV) einen Entwurf für die Anpassung des Normalarbeitsvertrages für landwirtschaftliche Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer erstellt. Es habe eine Aussprache mit der Arbeitnehmervertretung zu den geplanten Änderungen stattgefunden, schreibt der SGBV im neusten «St. Galler Bauer».

«Wir wollten eine Kompromisslösung erreichen», sagt SGBV-Präsident Peter Nüesch auf Anfrage der Nachrichtenagentur sda. Die Tierhaltung, vor allem in der Milchwirtschaft, sei sehr arbeitsintensiv, sagt Nüesch: «Die Tiere müssen sieben Tage in der Woche betreut werden.» Der Vorschlag des Bauernverbandes sieht vor, dass in Betrieben mit Tierhaltung eine maximale Wochenarbeitszeit von 52,25 Stunden gelten soll und in Betrieben ohne Tierhaltung 49,5 Stunden.

Die Differenzen in der Ausgestaltung des Normalarbeitsvertrages hätten nicht ausgeräumt werden können. Für 2018 seien die Verhandlungen gescheitert, sagte Nüesch. Es werde aber weitere Aussprachen mit den Sozialpartnern der rund 2000 Angestellten geben.

Maximal 49,5 Stunden pro Woche


«Der Bauernverband will uns eine Arbeitszeitverkürzung verkaufen, die gar keine ist,» sagt Roland Häberli, Interimspräsident der ABLA-Sektion des Kantons St. Gallen. Neu sollen die Pausen nicht mehr wie bisher als Arbeitszeit gerechnet werden. Zähle man diese wieder dazu, komme man wie bisher auf eine Wochenarbeitszeit von 55 Stunden.

Die Arbeitnehmervertreter verlangen für alle Beschäftigten in der Landwirtschaft maximal 49,5 Stunden pro Woche. Zudem sollen alle gesetzlichen Feiertage arbeitsfrei sein. «Einem vom Präsidenten des SGBV angedeuteten Kompromissvorschlag von 50 Stunden pro Woche und vier zusätzlichen Feiertagen zum 1. August hätten wir zugestimmt», erklärt Häberli.

Rückständige Ostschweiz

Europaweit stehe die Schweiz punkto Arbeitszeit einsam an der Spitze, sagt Häberli. Die Arbeitnehmenden in der Landwirtschaft hätten in Bayern eine 40- und in Vorarlberg eine 45-Stunden-Woche. In der Schweiz besteht zudem ein Ost-Westgefälle. Der Kanton Genf kennt laut Häberli die 45-Stunden-Woche. Feiertage wurden bislang nicht bezahlt. Arbeiteten landwirtschaftliche Angestellte an einem Feiertag bis zu vier Stunden, zähle dieser Tag als halber bezogener Feiertag, so Häberli.

Sogar der 1. August, seit 1994 als arbeitsfreier Feiertag in der Bundesverfassung verankert, sei den Angestellten der Bauernbetriebe bislang vorenthalten worden. «Im Muster für den neuen Normalarbeitsvertrag wurde der 1. August klammheimlich als zusätzlicher Feiertag hineingenommen», sagte Häberli.

SCHWEIZER BAUER
BEKANNTSCHAFTEN
DER SCHWEIZER BAUER AUF YOUTUBE