27.11.2018 06:45
Quelle: schweizerbauer.ch - David Eppenberger, lid
Umwelt
Klimawandel hat jetzt ein Gesicht
An der 4. AgroCleanTech-Tagung in Bern diskutierten Fachleute über eine klimafreundlichere Landwirtschaft. Lösungsansätze gäbe es zwar ein einige, doch deren Umsetzung ist anspruchsvoll.

Die Dünger-Rheinschiffe können wegen den tiefen Pegelständen nicht mehr bis nach Basel fahren. Deshalb wurden erste Pflichtlager für Düngemittel freigegeben, was eigentlich nur in Krisensituationen passiert. Die Schweiz befindet sich tatsächlich seit Monaten in der Krise, weil es an vielen Orten viel zu wenig regnet. So sieht Klimawandel also konkret aus. Oder ausgetrocknete Wiesen, Futtermangel bei Kühen, hitzegeschädigte Kulturen und Landwirte im Bewässerungsstress.

Der Klimawandel habe in diesem Sommer ein Gesicht erhalten, sagte Agrocleantech-Geschäftsführer Simon Gisler an der 4. Agrocleantech-Tagung im November. "Das Thema dürfte nun endgültig in den Bauernstuben und auf den Feldern angekommen sein." Der Anlass in Bern machte den Treibhauseffekt und die Konsequenzen für die Landwirtschaft zum Thema. Dabei ist diese sowohl Teil des Problems als auch Teil der Lösung: Die Landwirtschaft spürt die Folgen direkt, erzeugt aber selbst rund 13 Prozent der klimaschädlichen Treibhausgase.

Vermeidung von Treibhausgasen

Diverse Klimaschutzmassnahmen zur Reduktion des CO2-Ausstosses werden bereits ergriffen, neue Wege werden erforscht. Doch der kürzlich veröffentlichte Bericht des Weltklimarats IPCC zeigt, dass man im Fahrplan zur Erreichung der in Paris formulierten Klimaschutzziele arg im Rückstand ist. Auch die Schweizer Landwirtschaft erreiche zurzeit die Ziele nicht, sagte Bernard Lehmann, Direktor des Bundesamtes für Landwirtschaft (BLW), an der Tagung.

Es gibt deshalb Stimmen, welche den Klimawandel bereits als unveränderbare Tatsache betrachten und lieber über Anpassungsstrategien nachdenken. An der Tagung ging es aber immer noch vor allem um Lösungsansätze zur Vermeidung von Treibhausgasen.

Es braucht mehr Humus im Boden

Der Boden speichert gigantische Mengen an CO2. Laut Max-Planck-Institut für Biogeochemie entweicht jährlich etwa zehn Mal mehr CO2 aus den Böden in die Atmosphäre als bei der Verbrennung fossiler Energieträger freigesetzt wird. Dieser Wert wird massgebend durch die Art der Landnutzung bestimmt. BLW-Direktor Bernard Lehmann hegte deshalb an der Tagung grosse Hoffnungen an die von Frankreich anlässlich der Pariser Klimakonferenz lancierten 4 Promille-Initiative. Würde nämlich der Kohlestoffgehalt in den Böden jährlich um diesen Betrag erhöht, könnte der CO2-Anstieg in der Atmosphäre vollständig gestoppt werden.

Das tönt verlockend, ist aber eine anspruchsvolle Mission. Eine Möglichkeit wären hier beispielsweise Agroforstsysteme – einer Kombination zwischen Wald- und Ackerbau –, die zu einer Verdreifachung der C-Gehalte führten, sagte Lehmann. In der Praxis geht es in erster Linie um die Erhöhung der Humusgehalte. Diese nehmen auf den Schweizer Äckern zurzeit aber schneller ab, als sie wieder aufgebaut werden. Also vielleicht doch besser bei der CO2-Vermeidung ansetzen?

Tiere braucht es doch

Der grosse Hebel bestünde hier bei der Tierhaltung. Diese gilt als ressourcenzehrend und der Methanausstoss der Rinder bewirkt einen vielfach höheren Treibhauseffekt als CO2. Ackerbau wäre deshalb eigentlich am klimafreundlichsten, sagte Lehmann. Aber eigentlich seien Gülle und Mist auf dem Acker besser für das Klima als energieintensiv hergestellter Kunstdünger.

Es brauche also doch Tiere. Allerdings nur, wenn den Kühen nicht Getreide gefüttert werde, fügte er an. Das alles zeige, dass es im Klimaschutz keine einfachen Lösungen gebe: "Systemdenken macht sehr bescheiden", sagte er zum Abschluss seines Referates.

Kuhfütterung optimieren

Die Hälfte der Treibhausgase bei den Rindern kommt aus der Fütterung. Eine von AgroCleanTech initiierte Arbeitsgruppe mit Fachleuten von Agroscope, Aaremilch und Agridea untersuchte deshalb, welches Futter eine möglichst klimafreundliche Kuh fressen soll. Mit einer optimalen Fütterung kamen sie auf ein Treibhausgas-Einsparpotential von 12 Prozent. Allerdings basiere dieser Wert auf vielen Unsicherheiten, weshalb man diese nicht als Empfehlungen herausgeben könne, schränkte Simon Gisler sogleich ein. Seine Forderung: "Es braucht mehr Forschung, die mehr verlässliche Zahlen liefert."

Bio-Suisse-Präsident Urs Brändli wies darauf hin, dass der Biolandbau nur schon wegen des Verzichts auf Kunstdünger deutlich weniger des besonders klimaschädlichen Lachgases emittiere. Zudem würden die Böden seiner Mitglieder höhere Kohlenstoffgehalte aufweisen. Obwohl der Biolandbau viele klimarelevante Leistungen erbringe, habe er aber nicht überall die richtigen Lösungen: "Es geht auch darum, von anderen Systemen zu lernen", sagte er.

Grosse Anstrengungen nötig

Beispielsweise von IP Suisse, die an der Tagung die Lancierung eines Projektes für ein Punktesystem für Klima- und Ressourcenschutz auf IP-Betrieben vorstellte. Zurzeit werde auf 30 Pilotbetrieben ein Katalog von Massnahmen zur Senkung der Treibhausgase getestet, sagte IP-Suisse-Geschäftsführer Fritz Rothen.

Dazu zählen unter anderem bereits bewährte Instrumente wie die Wärmerückgewinnung, Mulch- oder Direktsaat, Hackschnitzelnutzung, Erhöhung der Lebensleistung bei den Milchkühen, Abdecken der Güllegrube oder parzellen-genaue Düngerpläne. "Ziel ist die Reduktion von 10 Prozent der Treibhausgase auf der Gesamtheit der IP-Suisse-Betriebe", sagte Rothen. Er selbst zeigte sich erstaunt darüber, wie viel Anstrengungen es brauche, um nur schon diesen relativ bescheidenen Einspareffekt zu erreichen.

Klimaschutz in der Praxis

Bereits ziemlich konkret geht es die landwirtschaftliche Interessensgemeinschaft "AgroCO2ncept" in der Region Flaachtal an. Die darin eingebundenen Landwirtschaftsbetriebe streben mit 39 Massnahmen gemeinsam eine Reduktion von 20 Prozent des CO2-Ausstosses an. Neben der klimaoptimalen Futterbereitstellung bei Kühen ist beispielsweise die Emissionsreduktion pro Kilogramm Fleisch durch züchterische Massnahmen vorgesehen.

Bei den Maschinen wird auf Verbrauchseffizienz gesetzt. "Durch Maschinenzusammenlegungen braucht es 40 Prozent weniger Geräte", sagte AgroCO2ncept-Präsident Toni Meier in Bern. Mit sparsamen Fahrtechniken lasse sich bei 600 Jahresstunden bis zu 1200 Liter Diesel einsparen. Andere Massnahmen sind die Schaffung von Dauergrünland, die optimierte Düngung und Bewässerung oder das Einbringen von Aktivkohle auf dem Acker. Diese könne CO2 dauerhaft aus der Atmosphäre entziehen, sagte der Biobauer. Bei sich auf dem Betrieb mischt er Hühnerfedern mit Kompost zu organischem Dünger zusammen, dieser helfe beim Humusaufbau und reduziere den Einsatz von Mineraldünger.

Die Verantwortung liegt auch bei den Konsumenten

Die Tagung in Bern zeigte zwar zahlreiche Lösungsansätze zur Reduktion von Treibhausgasen in der Landwirtschaft auf. Doch der Weg zur klimafreundlichen Landwirtschaft ist steinig. In den Diskussionen ging es oft um tiefe Prozentwerte. Noch ist niemand bereit, an den grossen Schrauben zu drehen.

Es bräuchte beispielsweise mehr Biogasanlagen, welche das Methan entschärfen. Würden 40 Prozent des Hofdüngers energetisch genutzt, wäre ein grosser Teil der von der Landwirtschaft verlangten Reduktionsleistungen bereits erbracht. Hier fehlen aber griffige Fördermassnahmen. Diese sind der Gesellschaft offenbar zu teuer. Oder man will dem Konsumenten nicht vorschreiben, was er essen soll. Beispielsweise beim Fleisch, bei dem für mehr Klimaschutz weniger Konsum und bessere Qualität angezeigt wären.

Regale blieben gefüllt

"Doch die Welt hat nichts gewonnen, wenn in der Schweiz nur noch Ackerbau betrieben würde, die Leute bei uns aber weiterhin Milch trinken und Fleisch essen würden", sagte BLW-Direktor Lehmann. Dieses käme dann nämlich aus dem Ausland und würde das Problem einfach dorthin verlagern. Womit er den Ball zu den Konsumenten weiterspielte.

Ob der Klimawandel in diesem Sommer auch bei diesen angekommen ist, bleibt fraglich. Sein Gesicht hat er da noch nicht gezeigt: Die Regale mit Lebensmitteln waren trotz Trockenheit und Hitze in ganz Europa immer reichlich gefüllt. Bei vielen Schweizer Bauern versiegen aber unterdessen wegen dem weiterhin fehlenden Regen die Brunnen.

 

 

 

 

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