11.09.2017 14:14
Quelle: schweizerbauer.ch - Eveline Dudda, lid
St. Gallen
Für Ackerbau kein Platz mehr
Stadlers Mohnfeld wirkt während der Blüte wie ein Magnet auf Fotografen und Filmer. Trotzdem sind diese Flächen bedroht: Die Stadt Wil will wachsen und sie braucht neue Gewerbeflächen.

Der Hof von Zeno und Hanna Stadler liegt direkt bei einem Kreisel am Stadtrand von Wil SG. Es ist ein mittelgrosser Betrieb mit Milchvieh, Hühnern, Hochstämmern und Ackerbau. Letzterer ist speziell, denn Stadlers vermehren Raygras und produzieren spezielle Ölsaaten wie Lein, Ölkürbis und Schlafmohn.

Neues ausprobieren

Zeno Stadler schmunzelt: „Ich bin eben ein Ackerbauer.“ Und zwar einer, der nicht davor zurückschreckt, Neues auszuprobieren. Nächstes Jahr will er auch Leindotter und Braugerste produzieren. „Wir haben immer klein angefangen, mit 50 Aren oder so und dann die Produktion langsam gesteigert.“ Das war klug. Denn mit den „alten“ Kulturen wie Lein und Mohn mussten Stadlers erst Erfahrungen sammeln.

Stadler erzählt: „Am Anfang waren wir manchmal einen ganzen Monat lang nur am Jäten.“ Besonders lästig waren die Nachtschattengewächse, bei ihnen herrscht in Ölsaaten Nulltoleranz, die giftigen Beeren dürfen keinesfalls mit in die Ölpresse geraten. Inzwischen haben Stadlers das Unkraut im Griff, auch dank der fachmännischen Unterstützung von Christoph Gämperli, dem umtriebigen Geschäftsführer der St.Galler Saatzuchtgenossenschaft, der ihnen jederzeit mit Rat und Tat zur Seite stand.

Die Magie der Mohnblüte

Weniger im Griff haben sie die Reaktionen, die ihr blühendes Mohnfeld bei den Vorbeifahrenden hervorrufen. Das Feld scheint die Leute magisch anzuziehen. Dazu Zeno Stadler: „In den zehn Tagen, in denen der Mohn blüht, halten den ganzen Tag hindurch Autos am Feldrand.“ Sie fügt hinzu: „Manche Leute kommen sogar im Abendkleid und lassen sich im Mohnfeld ablichten.“ Oder sie holen sich einen Strauss, wie einst ein älterer Herr mit Kind, vermutlich seinem Enkel.

Stadlers sind kulant, Hanna Stadler lacht: „Der Strauss hatte vermutlich sowieso keine Blütenblätter mehr, bis sie zuhause ankamen.“ Als Schnittblume taugt der Schlafmohn nicht, dafür umso mehr als Sujet. Stadlers bekommen immer wieder Anfragen von Foto- und Filmstudios, die ein Fotoshooting im Mohnfeld abhalten oder einen Trailer darin drehen möchten. Einmal wollte jemand sogar mit dem Pferd durchs Mohnfeld galoppieren. Das ging der Bauernfamilie dann aber doch zu weit. Sie leben schliesslich vom Ertrag und der ist beim Mohn ohnehin nicht besonders hoch: Von einem Hektar (= 10'000 Quadratmeter) lassen sich gerade mal 300 Liter Öl gewinnen.

Strasse zuparkiert

Das Verhalten im und ums Mohnfeld scheint typisch für das landwirtschaftliche Verständnis der Normalbevölkerung. Auf der einen Seite werden die Kulturen bewundert, auf der anderen Seite werfen die Leute laufend Abfall in die Wiesen und Felder. Die wenigsten Leute scheinen die Zusammenhänge bei der Produktion zu verstehen. Stadlers Hof liegt nur wenige Hundert Meter von der Wallfahrtskirche Maria Dreibrunnen entfernt, in der häufig kirchliche Trauungen stattfinden.

„Eigentlich steht im Reglement, dass die Besucher im Industriegebiet parkieren sollen. Letzthin war das tatsächlich einmal der Fall“, lacht Zeno Stadler. Das war die berühmte Ausnahme von der Regel. Normalerweise ist die Strasse zwischen Hof und Kirche am Wochenende zuparkiert. Stadlers versuchen deshalb schon gar nicht mehr an einem Samstag mit grossen Maschinen an der Kirche vorbeizufahren. Gülleausbringen am Wochenende ist für sie ohnehin ein Tabu und in der Nähe der Kirche heuen sie möglichst nur an Wochentagen. Immer unter Beobachtung

Nähe zur Stadt Herausforderung

Die Nähe zur Stadt Wil, zur Kirche und die Lage direkt an der Strasse ist für Stadlers eine Herausforderung: „Wir sind immer unter Beobachtung.“ Nicht zuletzt deshalb bemüht sich das Betriebsleiterpaar, einen guten Eindruck zu hinterlassen. Wenn die Kühe die Strasse überqueren, putzen sie sofort hinterher – sofern man sie lässt. Oft wollen die Autofahrer aber gar nicht so lange warten.

Hanna Stadler stellt sich nicht mehr in die Strasse, um die Kühe zur Weide rüberlaufen zu lassen, das überlässt sie ihrem Mann. „Mir haben sie zu oft wüst gesagt, vor Zeno haben sie mehr Respekt.“ Da die Strasse demnächst saniert werden soll, wollen Stadlers bei dieser Gelegenheit einen Tunnel für die Kühe bauen. Auf eigene Rechnung – die öffentliche Hand beteiligt sich jedenfalls nicht daran.

Hof der Bevölkerung öffnen

Die Landwirtin erklärt: „Wir müssen Aufbauarbeit leisten, da in der Bevölkerung nur wenig Verständnis für die Landwirtschaft vorhanden ist.“ Sie nennt als Beispiel das Abkalben: „Wir sind der Meinung, dass eine Kuh auf der Weide am besten und auch am ringsten kalbert.“ Das scheinen Nicht-Bauern aber ganz und gar nicht zu verstehen. Einmal musste sie sogar beobachten, wie jemand zu einer Kuh lief, um ihr bei der Geburt zu helfen.

Das ist nicht nur unnötig, sondern auch gefährlich. „Es reicht völlig, wenn man die Kuh aus Distanz beobachtet und nur eingreift, wenn sie Hilfe benötigt.“ Das mangelnde Verständnis spornt die beiden an, ihren Hof wo immer möglich für die Bevölkerung zu öffnen. So machen sie beispielsweise bei der Stallvisite mit, dieses Angebot wird von Familien mit kleinen Kindern gerne genutzt. Stadlers bieten auch regelmässig Hand, wenn Kindergärtler dem Hof einen Besuch abstatten oder eine Lehrerin das Thema Hühner ihren Schülern in der Praxis näherbringen will.

Direktverkauf als wichtiges Standbein

Die Nähe zur Stadt hat auch Vorteile. „Es gibt viele Leute, die auf dem Heimweg noch Eier oder Käse bei uns kaufen,“ erzählt Hanna Stadler. Oder Öl. Während der Ehemann für Milch und Ackerbau zuständig ist, sind die 400 Legehennen und die Vermarktung ihr Bereich. Auf dem Hof verkauft sie Eier, Bodensee-Käse (von der Käserei, die Stadlers mit Milch beliefern) und Kartoffeln (von einem befreundeten Hof) sowie das komplette Sortiment an kaltgepressten Ölen der St.Galler Saatzucht.

Mit den Ölen fährt sie zudem regelmässig in Wil auf den Markt. Der Direktverkauf ist ein wichtiges Standbein, Stadlers generieren damit etwa ein Drittel ihrer landwirtschaftlichen Einnahmen. Ihnen kommt zugute, dass Hanna Stadler das Verkaufen von der Pike auf gelernt hat. Sie geniesst es, ihren Beruf weiterhin ausüben und einmal in der Woche auf den Markt fahren zu können, „weg vom Hof und doch so nah.“ Den zahlreichen Kundenkontakten verdankt sie immer wieder neue Tipps, wie man die feinen Öle noch verwenden könnte. Diesen Austausch findet sie bereichernd.

„Mit Verlusten muss man rechnen“

Auf dem Hof werden die hochwertigen – und hochpreisigen – Öle nur mit Bedienung verkauft. Im offenen Verkaufsstand wären sie Licht und Wärme ausgesetzt, was die Qualität mindert. Ausserdem haben Stadlers, wie alle Bauern mit Direktverkauf, auch ein paar unangenehme Erfahrungen gemacht. Es ist sogar schon vorgekommen, dass nicht nur die Kasse, sondern auch noch die komplette Tiefkühltruhe ausgeräumt wurde. Selbst die Weihnachtsdekoration hat jemand schon einmal mitlaufen lassen.

Stadlers nehmen es gelassen: „Mit Verlusten muss man rechnen.“ Sie sind sich einig, dass „das Positive überwiegt.“ Hanna erzählt sogar von Kunden, die an Weihnachten Guetzli vorbeibringen, um sich für die feinen Eier zu bedanken oder die eine liebe Karte an den Verkaufsstand hängen. Und wenn jemand ihnen ein Kompliment für den schönen und gepflegten Hof macht, entschädigt sie das bereits für vieles.

Wirtschaft bedrängt Landwirtschaft

Der Direktverkauf an stark frequentierter Lage bringt es mit sich, dass manchmal viermal am Vormittag jemand läutet und fast immer jemand vor dem Haus parkiert. Stadlers sind eigentlich nie allein, wenn sie den Zvieri vor dem Haus einnehmen. Doch Hanna Stadler lacht: „Das gehört bei uns dazu.“ Nur mit dem Strassenlärm kann sie sich nicht anfreunden. „Freitag- und Samstagnacht ist es am schlimmsten.“ Sie träumt davon, irgendwann einmal an einem ruhigeren Ort zu leben.

Stadlers Kinder, zwei Töchter und ein Sohn, sind zwischen 14 und 20 Jahre alt. Ob jemand von ihnen später einmal den Hof übernehmen wird, steht noch in den Sternen. Der Druck auf die Fläche ist enorm. Ein Teil der landwirtschaftlichen Nutzfläche des Betriebs liegt im 16 Hektaren grossen Entwicklungsgebiet Wil-West, dort soll ein neues Wirtschaftszentrum entstehen. Deshalb bekommen alle Bauern in diesem Gebiet statt der üblichen sechsjährigen Pachtverträgen nur noch einjährige Gebrauchsleihverträge.

Wil-West liegt an der Autobahn A1 mit den Achsen Zürich–St.Gallen und Wattwil–Bodensee und es grenzt an bereits bestehende Industrie- und Gewerbeflächen an. Ein Drittel der Fläche ist für Gewerbe und KMU vorgesehen, ein weiteres Drittel soll öffentlich genutzt werden und das letzte Drittel ist für Neuansiedlungen geplant. Nur für Mohnfelder und Kartoffeläcker ist in Wil-West kein Platz mehr.

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