27.12.2017 15:12
Quelle: schweizerbauer.ch - lid
Futtermittel
Die Schweiz frisst grün
Gras ist das wichtigste Futtermittel der Schweiz. Es macht in der Futtermittelbilanz den grössten Anteil aus. Nutztiere fressen aber nicht nur Gras, sondern auch Kraftfutter und Abfälle der Lebensmittelindustrie. In der Serie Futtermittel erfahren Sie mehr darüber.

Wildtiere holen sich ihr Futter selbst, Heim- und Nutztiere müssen dagegen gefüttert werden. Laut Tierschutzverordnung sind Nutztiere jene Tiere, die direkt oder indirekt zur Produktion von Lebensmitteln oder für eine bestimmte andere Leistung vorgesehen sind. Heimtiere werden dagegen aus Interesse am Tier oder als Gefährte im Haushalt gehalten.

Strenge Regeln


In diesem Artikel wird nicht zwischen Heimtier- und Nutztierfutter unterschieden, obwohl im Jahr 2016 in der Schweiz 1,6 Millionen Katzen, eine halbe Million Hunde, fast so viele Chüngel, rund 300'000 Nager, ebenso viele Reptilien und Ziergeflügel gehalten und ergo auch gefüttert wurden. Der Heimtierfutterverbrauch kann in der Statistik nicht einfach von dem der Nutztiere getrennt werden, eine Unterscheidung ist fast unmöglich.

Futtermittel werden rechtlich ähnlich streng wie Lebensmittel behandelt. Die Einfuhr, Produktion, Verarbeitung, Inverkehrbringung und Verwendung ist genau geregelt. Als Grundlage dienen vor allem die Agrareinfuhrverordnung, die Futtermittel-Verordnung, die Futtermittelbuch-Verordnung und viele andere Vorschriften.

500'000 Hektar Alpweiden

Die Schweiz ist ein Grasland. Zwei Drittel der landwirtschaftlichen Nutzfläche sind Wiesen und Weiden. Dazu kommen Kunstwiesen, die rund ein Viertel des Ackerlands bedecken und 500'000 Hektar Alpweiden, mit denen sich die landwirtschaftlich nutzbare Fläche für ein paar Monate im Jahr nochmals deutlich vergrössern lässt. Dieses Gras liefert jährlich rund 25 Millionen Tonnen Frischsubstanz an Futter, bzw. 6 Mio. Tonnen Trockensubstanz (TS). Gras ist das wichtigste Futtermittel der Schweiz.

Gras ist zwar schön grün, aber leider für die menschliche Ernährung nicht direkt geeignet. Nicht zuletzt deshalb ist die Schweiz ein Land der Nutztiere. Rinder und Kühe prägen das Landschaftsbild, aber auch für Schafe, Ziegen und andere Wiederkäuer bildet das viele Gras eine perfekte Nahrungsgrundlage.

Mehrere Mägen

Wiederkäuer haben nicht nur einen, sondern mehrere Mägen. Ihr Vormagensystem besteht aus Haube, Pansen und Blättermagen, was vereinfacht als Pansen bezeichnet wird. Dieser Pansen beherbergt zahlreiche Bakterien und Einzeller, welche Rohfasern und Proteine so aufschliessen, dass sie anschliessend problemlos verdaut werden können. Dank ihnen können Wiederkäuer wie Rindvieh, Schafe, Ziegen, Lamas, Alpakas etc. rohfaserreiche Futtermittel wie Gras, Silage oder Heu in Fleisch oder Milch verwandeln.

Der Ausdruck "Wiederkäuer" bezieht sich darauf, dass der vorverdaute Nahrungsbrei während Ruhephasen hochgewürgt und nochmals zerkaut wird, bevor die zerkleinerte Nahrung erneut verschluckt und der eigentlichen Verdauung zugeführt wird. Pflanzenfresser wie Pferde, Hasen oder Kaninchen sind zwar ebenfalls in der Lage Rohfasern mit Hilfe von Mikroorganismen zu verdauen. Bei ihnen findet dieser Prozess jedoch im Dickdarm statt.

Gras und Gras ist zweierlei

Zwischen dem Nährwert einer Kurzrasenweide und dem von Ökoheu liegen Welten. Beim Nährwert kommt es auf das Alter des Bestandes, die Jahreszeit, die Artenzusammensetzung, die Feuchtigkeit, die Höhenlage und vieles mehr an.

Verdaulichkeit von Kurzrasenweide

Die Verdaulichkeit und der Energiegehalt ändern sich im Laufe des Jahres, auch wenn man immer bei ähnlicher Bestandeshöhe, in diesem Fall waren das Gras stets weniger als 8 Zentimeter hoch, weidet.

Frühling Sommer Herbst
Trockensubstanz TSg/kg 218 226 152
Verdaulichkeit % 84 75 79
Energie NEL MJ/kg TS 7.4 6.4 6.6

Quelle: Siegfried Steinberger, LFL

Wer Wiederkäuer füttert, muss die Pansenmikroben füttern. Ohne sie läuft nichts. Diese Mikroben stellen hohe Anforderungen ans Futter und sie vermehren sich nur bei idealen Bedingungen. Die Zusammensetzung der Mikroorganismen hängt dabei vom Futterangebot ab. Jede Art ist auf eine bestimmte Futterkomponente spezialisiert. Wird eine Futterkomponente in der Wiederkäuerration erhöht, so vermehren sich die darauf spezialisierten Arten.

Es dauert rund 2 bis 4 Wochen, bis sich die Pansenmikroben auf eine neue Ration eingestellt haben. Futterumstellungen sollten deshalb nur in kleinen Schritten erfolgen. Besonders anspruchsvoll ist die Umstellung von Heu- auf Weide- oder Grasfütterung.

Abhängig von Vegetationsperiode

Aber auch im Lauf der Vegetationsperiode kann sich die Zusammensetzung der Ration stark verändern, z.B. wenn von altem Kleegras auf junges Naturwiesengras umgestellt wird. Wird zu schnell umgestellt fehlen im Pansen die entsprechenden Mikroorganismen und das Futter kann nicht optimal ausgenützt werden. Es kommt zu Effizienzverlusten. Mit Gras optimal zu füttern ist eine Kunst für sich.

Gras hat den Nachteil, dass es nur während der Vegetationsperiode wächst. Die ist im Berggebiet kürzer als im Tal und je nach Witterung unterschiedlich lang. Die Winterfütterung kann hierzulande zwischen 150 und 200 Tage dauern. In dieser Zeit bleibt den Bauern nichts anderes übrig als ihren Tieren konserviertes Gras in Form von Heu, Emd, Silage oder Grasmehl etc. anzubieten.

Heu: Nicht mehr als zwölf Prozent Wasser 

Heu wird meistens im eigenen Betrieb erzeugt und auch verfüttert. Nur ein kleiner Teil gelangt auf den Markt. Rund 140'000 Tonnen, das sind etwas mehr als 2 Prozent des gesamten Grünfutterbedarfs werden importiert. Heu kann zu Ballen gepresst oder lose geborgen werden. Generell kommt es bei der Heu-Gewinnung darauf an, die kurzen zur Verfügung stehenden Zeitspannen mit trockener Witterung optimal zu nutzen und das Heu so verlustarm wie möglich einzubringen. Dabei steht ein hoher Energie-, Mineral- und Wirkstoffgehalt des Futters im Vordergrund. Eine hohe Grundfutterqualität führt nicht nur zu hohen Milch- oder Mastleistungen, sondern fördert auch die Tiergesundheit.

Heu sollte idealerweise nicht mehr als zwölf Prozent Wasser enthalten, da sonst die Lagerfähigkeit abnimmt und die Gefahr von Fäulnis besteht. Ohne Heubelüftung sind diese Ziele schwierig zu erreichen. Bei der Bodentrocknung von hochwertigen, blattreichen Leguminosen (Luzerne, Klee) kommt es durch die maschinelle Bearbeitung des Futters zu grossen Verlusten an Blattmasse. Diese Bröckelverluste können bis zu dreissig Prozent vom Gesamtertrag ausmachen. Ein weiterer wichtiger Parameter sind Verschmutzungen, z.B. durch Erde oder Düngerrückstände.

Bis sechs Schnitte

Wesentlich schlimmer sind Verunreinigungen durch Abfall, speziell durch Aluminiumdosen, die beim Mähen in unendlich viele Splitter zerteilt werden und ins Futter gelangen können. Während der Weidegang ein vergleichsweise günstiges Futter ist, kann die Heu-Gewinnung recht teuer werden. Vor allem in Hanglagen, weil dort Spezialmaschinen und/oder viel Handarbeit nötig sind, um das Heu zu gewinnen. Oder wenn zum Heuen viele kleine, zerstreut liegende Parzellen genutzt werden, was verhindert, dass die Schlagkraft der Maschinen optimal genutzt werden kann.

Als Heu wird i.d.R. nur der getrocknete erste Schnitt bezeichnet. In günstigen Lagen können Heuwiesen bis zu sechsmal gemäht werden. Diese Grasschnitte werden als Emd bezeichnet. Emd wird in einem früheren Stadium gemäht als Heu. Es ist in der Regel zarter, hat wenig Stängelanteile und einen tiefen Rohfaseranteil. Häufig enthält dieses Futter mehr Klee, da dieser nach dem ersten Schnitt sehr schnell nachwächst. Deshalb ist auch der Eiweissgehalt höher.

Ökoheu

Von Ökoheu spricht man, wenn das Heu von einer Biodiversitätsförderfläche (BFF) stammt. Ab wann BFF wie extensive Wiesen gemäht werden dürfen, ist in der Direktzahlungsverordnung festgelegt. Die Termine sind von der Zone abhängig und auf den 15. Juni, 1. Juli oder 15. Juli angesetzt.

Zu diesem Zeitpunkt haben die meisten Gräser und Kräuter bereits versamt. Der Energiegehalt des Ökoheus ist tief, der Rohfasergehalt dagegen hoch. Als Leistungsfutter taugt dieses Futter nicht. Stattdessen eignet sich gutes Ökoheu für die (Zu-) Fütterung in der Galtphase oder als Pferdefutter.

Heuimporte: 30'000 ha Weideflächen vergandet

Betrachtet man die Entwicklung der Heuimporte, so fällt auf, dass diese in den letzten 20 Jahren um mehr als 200 Prozent gestiegen sind, während der Bestand an Raufutterverzehrern in dieser Zeit um mehr als zehn Prozent abgenommen hat. Die Zunahme der Importe erfolgte parallel zur Flächenentwicklung bei den extensiven Wiesen.

Wegen der Direktzahlungen rechnet es sich für die Bauern auf der einen Seite, Flächen zu extensivieren und auf der anderen Seite, den Nährstoffverlust beim Futter mit Importen auszugleichen. Diese Rechnung geht auch auf, wenn man damit noch die Beiträge für die graslandbasierte Produktion (GMF) erhalten kann. Da bei den GMF-Fütterungsvorschriften nicht zwischen Import- und Inlandfutter unterschieden wird, kann es sich durchaus lohnen, nährstoffarmes Ökoheu zu verkaufen und nährstoffreiches Luzerneheu zu importieren.

Dass die Importe von Raufutter in den letzten Jahren so deutlich gestiegen sind, liegt jedoch sicher auch daran, dass in dieser Zeit fast 30'000 Hektar Weideflächen vergandet sind, weil sie niemand mehr bewirtschaftet. Vor allem im Berggebiet.

Raufutterenquête

Ein optimaler Fütterungsplan für Pflanzenfresser setzt voraus, dass man weiss, welche Qualität das Wiesenfutter und die daraus hergestellten Produkte wie Heu, Emd oder Silage haben. Viele Landwirte lassen ihr Futter im Labor auf Energie-, Nährstoff- und Mineralstoffgehalt untersuchen. Diese Analyseergebnisse werden seit 1978 im Rahmen einer jährlichen "Dürrfutter-Enquête" nach Regionen zusammengetragen, interpretiert und publiziert.

Allein in den ersten 25 Jahren (1979 bis 2007) wurden insgesamt 58'104 Dürrfutterproben ausgewertet. Im Durchschnitt der Jahre entspricht dies etwa 2'100 Proben. Es hat sich gezeigt, dass die Wiesen- und Dürrfutterqualität im Laufe dieser Zeit mehrheitlich besser wurde. Von grossem Einfluss auf die Qualität des Dürrfutters ist der Zeitpunkt vom ersten Schnitt. Dieser wird vor allem durch das regionale Wetter im Frühjahr beeinflusst. Hohe Niederschläge und tiefe Temperaturen führen zu tiefen Energiewerten. Trocken-heisses Wetter bewirkt zwar eher höhere Energiewerte, doch leidet darunter meistens der Ertrag.

Bis vor zehn Jahren handelte es sich bei der Datensammlung um eine reine Dürrfutter-Enquête. Seit 2007 werden auch Analysenresultate von Gras- und Maissilagen in die Auswertung mit einbezogen. Die Dürrfutter-Enquête wurde deshalb in "Raufutter-Enquête" umbenannt.
Quelle: Agridea

Futtergetreide

Neben Gras ist Futtergetreide in der Schweiz ein wichtiges Futtermittel. Die inländische Futtergetreideproduktion ist allerdings seit Jahren rückläufig. Im Durchschnitt der Jahre 1992 bis 1996 betrug die Futtergetreideproduktion noch über 800'000 Tonnen. 2015 waren es nur noch 420'000 Tonnen. Parallel dazu stiegen die Futtermittelimporte im gleichen Zeitraum von 300'000 Tonnen auf 1 Million Tonnen an. Der Rückgang korreliert stark mit dem sinkenden Grenzschutz für Futtergetreide und der mangelnden Wirtschaftlichkeit des Futtergetreideanbaus.

Der Selbstversorgungsgrad mit Futtergetreide sinkt und sinkt

Jahr 2008 2009 2010 2011 2012 2013 2014 2015
Anteil Futtergetreide *
aus inländischer Produktion
60% 62% 56% 56% 52% 48% 59% 52%

* Futtergetreide: inkl. Müllereiprodukte und Auswuchs von Brotgetreide

Quelle: Agristat

Mais, Rüben und Co

Mais gehört zu den Getreidesorten mit dem höchsten Energiegehalt. Der Anbau gelingt dank Neuzüchtungen auch in kühleren Klimazonen. Charakteristisch für Mais sind der im Vergleich zu anderen Getreidearten hohe Fettgehalt sowie die tiefen Rohfaser-, Nicht-Stärke-Polysaccharid- und Rohproteingehalte. Mais wird entweder siliert oder als Körnermais, geschrotet oder gemahlen verfüttert. Auch Futterrüben, Eiweisserbsen und zahlreiche andere Futtermittel werden in der Schweiz angebaut.

GMF: Nicht mehr Gras, aber weniger Kraftfutter

Mit der Agrarpolitik 14-17 wurden neu Direktzahlungen für die Graslandbasierte Milch- und Fleischproduktion (GMF) eingeführt. Der Beitrag wird bezahlt, wenn die Jahresration aller auf dem Betrieb gehaltenen raufutterverzehrenden Nutztieren zu mindestens 90 Prozent der Trockensubstanz aus Grundfutter gemäss folgender Auflistung besteht: Dauer- und Kunstwiesen/-weiden (frisch/siliert/getrocknet), Ganzpflanzenmais (frisch/siliert/getrocknet), Mischung aus Spindel und Körnern des Maiskolbens, Maiskolbenschrot und, Maiskolbensilage ohne Lieschblätter (CornCobMix, CCM, nur für Rindviehmast), Getreide-Ganzpflanzensilage, Futterrüben, Zuckerrüben, Zuckerrübenschnitzel (frisch/siliert/getrocknet), Rübenblätter ,Chicorée-Wurzeln, Kartoffeln, Abgang aus Obst- und Gemüseverwertung, Biertreber und verfüttertes Stroh. Zudem muss die Jahresration im Talgebiet zu mindestens 75 Prozent, im Berggebiet zu 85 Prozent aus frischem, siliertem oder getrockneten Wiesen- und Weidefutter bestehen.

Eine Evaluation ergab, dass in den Jahren 2014 und 2015 etwa drei von vier Betrieben den GMF-Beitrag in Anspruch nahmen. In der Bergregion und bei Bio-Betrieben war der Anteil noch  höher. Gleiches gilt für Mutterkuhbetriebe sowie die Schafe-, Ziegen- und Pferdehalter. Zwar verfütterten die wenigsten Betriebe (14 Prozent) nach Einführung des Programms wesentlich mehr Gras oder weniger Mais (12 Prozent) als früher. Aber rund jeder vierte Betriebsleiter gab an, seinen Kraftfuttereinsatz seit der Teilnahme an diesem Programm gesenkt zu haben.

In der Milchviehhaltung setzten die GMF-Betriebe im Schnitt 9,8 Prozent Kraftfutter ein. Das macht etwa 588 kg TS pro Kuh und Jahr, während Betriebe, die nicht an GMF teilnahmen in derselben Zeit 10,7 Prozent (=642 kg TS) Kraftfutter verfütterten. Das GMF Programm könnte somit zumindest dazu beigetragen haben, dass der Kraftfuttereinsatz in der Milchviehhaltung nicht weiter gestiegen ist.

Quelle: Agroscope

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