11.01.2018 08:03
Quelle: schweizerbauer.ch - Ruth Bossert
Thurgau
600'000 Kilowatt Strom aus Hofmist
Kürzlich wurde die erste landwirtschaftliche Feststoffvergärungsanlage der Schweiz in Tuttwil TG in Betrieb genommen.

Das Betriebsleiterpaar Heidi und Kolumban Helfenberger und sein Team auf dem Betrieb Bommershüsli, oberhalb Wängi, haben allen Grund zur Freude. Kürzlich habe man der Anlage die erste Ladung Substrat aus Rindvieh- und Pferdemist zugeführt, erklärt Kolumban Helfenberger.

170 Haushalte

Resultate kenne man erst nach dem Testbetrieb. Man gehe aber davon aus, dass mit dem Biogas, das durch den Vergärungsprozess entsteht, im Jahr ungefähr 600'000 Kilowatt Strom erzeugt werden könne. Diese elektrische Energie wird ins lokale Stromnetz eingespeist und soll 170 Haushalte mit Strom versorgen.

Mit der im Blockheizkraftwerk produzierten Abwärme heizt er seinen neu erstellten Trutenstall für 4000 Tiere. Ein Grossprojekt, das in Symbiose zueinander zu einer Anlage wurde, das schweizweit einzigartig ist und bereits Interessierte aus dem fernen China anlockte.

Betriebsspiegel

Milchwirtschaftsbetrieb mit 30 Milchkühen, 30 Aufzuchtrindern. Landwirtschaftliche Nutzfläche 50 Hektaren: 3 ha Biodiversitätsförderflächen, 26 ha Ackerfläche (Zuckerrüben, Raps, Weizen, Dinkel, Speisemais, Sonnenblumen). 4000 Truten mit 4000 m2 Weidefläche. Feststoffvergärungsanlage produziert 600000 Kilowattstunden Strom. Neben dem Betriebsleiterpaar arbeiten ein Angestellter und zwei Lernende auf dem Betrieb. rb

Biomassekonzept

Um die Biogasanlage komplett auszulasten, wird Helfenberger auf Hofdünger von umliegenden Landwirten und Pferdehöfen angewiesen sein. Bereits heute erhalte er fast täglich Anfragen von Interessenten, die ihm Hofdünger anliefern wollen. Technisch sei es auch möglich, Grüngutabfälle und Ernterückstände zu verarbeiten.

Das vom Kanton Thurgau erarbeitete Biomassekonzept habe den Weg für seine Biogasanlage geebnet, erzählt der 42-Jährige, der für die BDP vom 2012 bis 2016 im Kantonsrat politisierte. Seine vierjährige Arbeit im Kantonsrat war von der erneuerbaren Energiepolitik geprägt, und deshalb habe er schon vor Jahren nach Möglichkeiten gesucht, seinen Hof, den er seit 2015 zusammen mit seiner Frau Heidi (36) führt, mit erneuerbaren Energieträgern zukunftsweisend zu betreiben.

Gute Kombination

Seine Frau arbeitete bis zur Geburt ihres dritten Kindes Teilzeit als Pflegefachfrau intensiv im Kantonsspital. Während ihrer Weiterbildung zur höheren Fachprüfung Bäuerin schrieb sie einen Businessplan über Truten. Diese «Vögel» hat sie während einem Kanada-Aufenthalt kennengelernt. Das Resultat dieser Arbeit zeigte dem Betriebsleiterehepaar, dass die Trutenhaltung hervorragend einen Betriebszweig schaffen würde, der sich mit den 60 Milchkühen und Aufzuchtrindern kombinieren liesse.

Der anfallende Mist führte schliesslich zur Idee, eine Feststoffvergärungsanlage zu realisieren. Dank des Förderprogramms des Kantons Thurgau profitierte Helfenberger für die Biogasanlage zudem von einer einmaligen Anschubfinanzierung von 250'000 Franken. Die Kosten der Biogasanlage bezifferte Helfenberger auf über eine Million Franken.

Bauherr und Bauleiter

«Die Projekt- und Bauphase war kein Sonntagsspaziergang», sagt der Meisterlandwirt, der auch gelernter Zimmermann ist und sowohl im administrativen Dschungel wie auch auf dem Bau das Heft nie aus der Hand gab. Umso wichtiger war dies, als ihm nach dreimonatiger Bauzeit der verantwortliche Baumeister eröffnete, dass seine Firma nicht mehr liquide sei und Helfenberger die Verantwortung für die Grossbaustelle im Mai 2017 selber an die Hand nehmen musste.

Mit enormem Einsatz, Kreativität und kräftezehrenden Verhandlungen gelang es ihm, nach lediglich einer Woche die Arbeit auf der Baustelle weiterzuführen. Helfenberger stellte einen jungen Maurer ein, übernahm die Bauführung, und zusammen mit seinem jungen, motivierten Team wurde das Bauwerk fristgerecht fertig und in diesen Tagen in Betrieb genommen. Kolumban Helfenberger nimmt seine beiden Töchter, Victoria (2) und Ricarda (4) auf den Schoss, schaut seine Frau Heidi an und diese sagt ganz gelassen: «Und vor zwei Monaten ist auch noch unser Sohn Dionys auf die Welt gekommen.» 

Der umtriebige Bauer hat das Potenzial zur Gewinnung erneuerbarer Energie längst noch nicht ausgeschöpft. Ob er sich in Zukunft für einen neuen Rindviehstall entscheiden wird oder vorerst eine Solaranlage auf dem Trutenstall und die Fernheizung ins Bauernhaus realisiert, ist noch ungewiss. Zumindest sind die Vorbereitungsarbeiten für beide Projekte bereits ausgeführt.

Das sagt Jost Rüegg, Kantonsrat Grüne

Zur Anlage gehört ein Trutenstall mit 1150 m2 Fläche. Ställe von dieser Grösse sind den Umweltverbänden ein Dorn im Auge. Wurden hier wegen der Stromgewinnung beide Augen zugedrückt?
Der WWF Thurgau hat  eine Einsprache eingereicht, und bei der Einspracheverhandlung sowie mit Einzelgesprächen bei der Standortwahl Einfluss genommen. Die Nähe der Autobahn, auch die Kombination von einer Biogasanlage  mit dem Stall wie auch der Einbezug von Nachbarn bei der Verwertung von Biomasse und Mist, hat dazu geführt, dass der WWF die Einsprache nicht weiterzog. Er hat hier weder eines und schon gar nicht beide Augen zugedrückt. Der WWF macht dann Einsprachen wenn  er die gesetzlichen Vorgaben für ein Projekt als nicht erfüllt betrachtet.

Machen solche Anlagen Sinn und wie hoch schätzen Sie das Potenzial ein?
Wir können das Potenzial für solche Kombinationen zurzeit noch nicht abschätzen. rb

 

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