2.01.2018 18:10
Quelle: schweizerbauer.ch - lid
Futtermittel
Futter- statt Nahrungsmittel importieren 
Gras ist das wichtigste Futtermittel der Schweiz. Es macht in der Futtermittelbilanz den grössten Anteil aus. Nutztiere fressen aber nicht nur Gras, sondern auch Kraftfutter und Abfälle der Lebensmittelindustrie. In der Serie Futtermittel erfahren Sie mehr darüber.

Was wäre, wenn...

... die Zölle auf Futtermittel ganz wegfallen würden? Der Preisüberwacher hat diese Fragestellung bei seiner Untersuchung zu den Mischfuttermittelpreisen einmal durchgespielt. Er kam zum Schluss, dass Mischfuttermittel, rund 20 Prozent günstiger würden - falls die Mühlen die Kostenreduktion vollumfänglich an die Produzenten weitergäben. Für die Nutztierhalter wäre das zwar von Vorteil.

Die Schweizer Futtergetreideproduzenten würden dagegen verlieren, da in diesem Fall Schweizer Futtergetreide von Importware verdrängt würde. Es käme also nur zu einer Einkommensumverteilung innerhalb der Schweizer Landwirtschaft. Zudem kämen die heimischen Mischfutterproduzenten unter Druck, da anzunehmen ist, dass dann vermehrt Mischfutter importiert würde, statt der einzelnen Komponenten.

Berechnungen einer Studie, welche die Interessengemeinschaft Agrarstandort Schweiz IGAS zusammen mit Economiesuisse, Migros und Nestlé in Auftrag gegeben hat, zeigen ebenfalls, dass der Effekt sinkender Futtermittelkosten teilweise überschätzt wird. In dieser Studie wurden unter Federführung des ehemaligen BLW-Vizedirektors Jacques Chavaz zwei Szenarien durchgespielt: Den Freihandel mit den USA und ein Beitritt zum Transatlantischen Freihandelsabkommen USA-EU (TTIP). Bei Letzterem würde eine Senkung der Futtermittelkosten die heimischen Produzenten nicht vor einen massiven Einkommensverlust retten. Die Produktion in der Schweiz käme durch einen Beitritt zu TTIP massiv unter Druck. Analoges ist mit einem Freihandel mit Mercosur zu erwarten, welches Bundesrat Schneider-Amann derzeit als Vision verfolgt.

Das Vieh frisst, wie der Mensch isst

Hinter den Diskussionen um Kraftfutterimporte und der Sojafütterung steckt in erster Linie die Sorge um die Umwelt. Es existiert eine gesellschaftliche Wunschvorstellung, dass die Lebensmittelproduktion insgesamt nachhaltiger werden sollte. Das wäre durchaus möglich - allerdings müsste sich dafür der Konsum ändern. Bislang ist es ja so, dass die Schweizer Bauern nicht einmal den gesamten inländischen Bedarf an tierischen Lebensmitteln decken.

Agroscope ging in der Studie "Umwelt- und ressourcenschonende Ernährung: Detaillierte Analyse für die Schweiz" der Frage nach, wie eine ressourcenschonende Ernährung für die Schweizer Bevölkerung aussehen müsste. In dieser Studie wurden mehrere Szenarien durchgerechnet. Das Resultat war eindeutig: Die Menschen müssten weniger Fleisch essen, dafür mehr Getreide, Kartoffeln oder Hülsenfrüchte, sowie Öle oder Nüsse, bei gleichbleibendem Milchkonsum und deutlich weniger Alkohol. Gleichzeitig müssten die Produktionsverfahren optimiert werden.

Grünland primär fürs Milchvieh

Würde weniger Fleisch gegessen, würden auch die Tierbestände in der Landwirtschaft stark sinken, vor allem bei den Schweinen, in der Pouletmast, Mutterkuhhaltung und Grossviehmast. Das Grünland würde primär fürs Milchvieh genutzt. Kühe würden fast nur noch Raufutter fressen, nur Kühe mit höherer Milchleistung bekämen zusätzlich Körnermais und Gerste. Sojaschrot würde nahezu vollständig aus der Fütterung verschwinden.

Ein grosser Teil des Dauergrünlands würde extensiv bewirtschaftet. Das nährstoffarme Gras dieser Flächen würde an Aufzuchtrinder, Schafe und Ziegen verfüttert. Ein Teil des Ackerlands würde im Rahmen der Fruchtfolge noch als Kunstwiese genutzt, aber weniger als bisher. Auf der offenen Ackerfläche würde deutlich mehr Getreide für die menschliche Ernährung angebaut. Die Anbauflächen von Kartoffeln, Gemüse und Raps würden sich ebenfalls erhöhen.

Von Optimum weit entfernt

Durch die Senkung der Tierbestände (die GVE würden praktisch halbiert) könnte die Schweiz weitestgehend auf Futtermittelimporte verzichten. Auch die Importe von Nahrungsmitteln gingen zurück. Der Anteil der im Inland produzierten Erzeugnisse und damit der Selbstversorgungsgrad an Nahrungsenergie würde von 60 Prozent auf gegen 80 Prozent steigen.

Doch von diesem Optimum einer umwelt- und ressourcenschonenden Ernährung sind wir sehr weit entfernt. Die Ernährungsgewohnheiten der Bevölkerung sind ganz anders. Wie oben aufgezeigt deckt die Schweiz heute nicht einmal bei allen tierischen Produkten den Inlandbedarf ab. Eine dermassen weitreichende Umstellung des Ernährungssystems Schweiz würde eine grosse Bereitschaft von Bevölkerung, Wirtschaft und Politik voraussetzen. Diese Bereitschaft zu erreichen, dürfte schwierig bis unmöglich sein.

Futtermittel statt Nahrungsmittel importieren 

Die Stossrichtung für die künftige Agrarpolitik, die Bundesrat Schneider Ammann in seiner Gesamtschau vom 1.November 2017 vorgestellt hat, geht klar in eine andere Richtung. Nach Ansicht des Bundesrates sollten die Schweizer Bauern wettbewerbsfähiger und Nahrungsmittel hierzulande billiger werden. Dazu sollen vor allem die Fleischpreise, die in der Schweiz rund doppelt so hoch sind wie im Ausland, geschleift werden. Was passiert, wenn Fleisch billiger wird, liegt auf der Hand: Sinkende Fleischpreise kurbeln den Konsum an. Dabei würde nicht nur mehr Fleisch konsumiert, sondern vor allem mehr Edelstücke gekauft. Statt mit Fleischkäse würde das Pausenbrötli mit Filet belegt. Eine umwelt- und ressourcenschonende Ernährung sieht definitiv anders aus.

Wenn die Zölle sinken, wie das dem Bundesrat vorschwebt, würden Futtermittel um 5 bis 25 Prozent billiger, sogar Soja würde angeblich weniger kosten. Wer rechnet, müsste also mehr Futtermittel importieren. Das wird - wenn man die Diskussionen in den Medien verfolgt - von der Bevölkerung nicht goutiert. Die Bauern würden eher noch mehr kritisiert. Die Bereitschaft der Bevölkerung, Direktzahlungen zu berappen, könnte sinken.

Umweltbelastung würde ins Ausland verlagert

Die Futtermittelimporte würden allerdings nur solange steigen, wie sich die Milch-, Eier- und Fleischproduktion im Inland noch lohnt. Darüber hinaus würden keine Futtermittel mehr importiert, sondern gleich die entsprechenden Fleisch-, Eier- oder Milchprodukte eingeführt.

Die Umweltbelastung würde damit ins Ausland verlagert, wo sich die Produktionsweise in vielen Fällen deutlich von der Schweiz unterscheidet. Bereits heute ist die Umweltbelastung, die beim Import von Nahrungsmitteln im Ausland entsteht fast dreimal so hoch wie die Umweltbelastung, die der Import von Futtermitteln verursacht. Die Umweltfolgen der Nahrungsmittelimporte sind in der Öffentlichkeit allerdings kaum Thema. Dabei gehen diese Importe wesentlich mehr Menschen an als nur die 50'000 Bauernfamilien.

SCHWEIZER BAUER
BEKANNTSCHAFTEN
DER SCHWEIZER BAUER AUF YOUTUBE