17.08.2016 06:38
Quelle: schweizerbauer.ch - sda
Forschung
Neonikotinoide bedrohen Wildbienen
Pflanzenschutzmittel aus der Gruppe der Neonikotinoide können zwei neuen Studien zufolge nicht nur Honigbienen, sondern auch Wildbienen und Schmetterlinge gefährden. Die neuen Ergebnisse stützen den Verdacht, dass die schwindenden Bestände unter anderem auf diese Insektizide zurückgehen.

Eine Studie des britischen Zentrums für Ökologie und Hydrologie (NERC) legt einen Zusammenhang zwischen dem Einsatz von Neonikotinoiden und dem Rückgang von Wildbienen-Populationen nahe.

Populationen schrumpfen bei Kontakt deutlich

Für die Untersuchung analysierten Forscher um den Insektenkundler Ben Woodcock, wie sich der grossflächige Einsatz von Neonikotinoiden auf 62 Wildbienen-Arten in Grossbritannien von 1994 bis 2011 auswirkte. 2002 waren die Pestizide dort erstmalig zugelassen worden.

Sie konnten dabei auf die Daten der «The Bees, Wasps and Ants Recording Society» zurückgreifen, eines Verbandes von Naturfreunden, die seit Mitte des 19. Jahrhunderts akribisch Informationen über Bienen, Wespen und Ameisen auf den britischen Inseln sammeln.

Das Ergebnis der im Fachblatt «Nature Communications» veröffentlichten Analyse: Bei Wildbienen-Arten, die sich vorrangig von mit Neonikotinoiden behandeltem Raps ernähren, schrumpften die Populationen drei Mal stärker als bei jenen Arten, die andere, nicht behandelte Pflanzen bevorzugen.

Ein Fünftel vernichtet

Bei fünf der untersuchten Wildbienen-Arten könne man sogar davon ausgehen, dass der Einsatz der Mittel 20 Prozent der lokalen Populationen vernichtet habe.  «Als blühendes Getreide ist Raps sehr nützlich für bestäubende Insekten», erklärt Woodcock in einer Mitteilung. «Dieser Nutzen scheint aber durch die Effekte der Neonikotinoid-Behandlung für eine ganze Reihe von Wildbienen-Arten mehr als aufgehoben.» Wildbienen leben - im Gegensatz zu den Honigbienen - meist als Einzelgänger.

Nach Ansicht des Neurobiologen Randolf Menzel, der zu den führenden Bienenforschern Deutschlands zählt, zeigt die Studie, wie gross der Einfluss der Neonikotinoide wirklich ist - und das über einen verhältnismässig kurzen Zeitraum.

Zweifel widerlegt

«Bei experimentellen Studien wird oft bezweifelt, wie aussagekräftig diese für das gesamte Ökosystem sind», so Menzel. Jene Zweifel würden nun widerlegt. Für die britische Studie hätte er sich eine genauere Aufschlüsselung der verwendeten Neonikotinoide gewünscht: So seien etwa Clothianidin, Imidacloprid und Thiamethoxam in Grossbritannien seit vergangenem Jahr wieder zugelassen.

«Bei eben jenen drei ist sehr wahrscheinlich, dass sie grossen Schaden anrichten», erklärt Menzel. Andere Experten betonen, dass auch andere Gründe für den Rückgang von Bienen-Populationen gibt, darunter die Varroamilbe. Bienenforscher der Universität Bern hatten kürzlich mit internationalen Kollegen gezeigt, dass Neonikotinoide die Spermienqualität männlicher Honigbienen beeinträchtigt und damit die Fortpflanzung der Insekten stört. Auch die Fortpflanzungsfähigkeit von Bienenköniginnen wird durch diese Mittel beeinträchtigt.

Schmetterlinge in Gefahr

Aber nicht nur Bienen scheinen unter den Mitteln zu leiden: Eine Studie aus den USA legt nahe, dass der Bestand von Schmetterlingen mindestens ebenso durch die Pestizide bedroht ist wie durch die fortschreitende Vernichtung ihres Lebensraums.

Die Forscher um den Biologen Matthew Forister von der Universität von Nevada untersuchten das Vorkommen von 67 Schmetterlingsarten in Nordkalifornien anhand von Daten aus den vergangenen 40 Jahren. Das Ergebnis: Die Zahl der Schmetterlingsarten geht dramatisch zurück - und das vor allem seit 1995, als Neonikotinoide in der Region erstmals eingesetzt wurden.

Neonikotinoide wirken als Frass- oder Kontaktgift

Neonikotinoide wirken als Frass- oder Kontaktgift auf die Nervenzellen von Insekten und sollen Pflanzen sowohl vor saugenden als auch beissenden Schädlingen schützen. Bei ihrer Einführung galten sie noch als besonders schonende Pestizide, die gut von Pflanzen über deren Wurzeln in die Blätter aufgenommen werden.

Mit dieser systemischen Wirkung werden sie bevorzugt als Saatgutbeizmittel verwendet - und das präventiv, wie Randolf Menzel kritisiert: «Sie werden eingesetzt, ohne dass es schon einen Schaden oder Befall gibt», beschreibt der Bienenforscher. «Das ist, als würden alle Menschen immer Antibiotika nehmen, um keine Lungenentzündung zu bekommen.»

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