24.08.2015 07:04
Quelle: schweizerbauer.ch - Raphael Bühlmann
Lebensmittel
Der starke Franken als Deckmantel
Alle müssen einen Beitrag leisten, damit die Krise überwunden werden kann. Dies die Devise der Lebensmittelbranche, als der Mindestkurs fiel. Dividenden scheinen aber dabei von übergeordnetem Interesse zu sein.

Führt man sich die Halbjahresgewinnzahlen der drei Unternehmen Emmi (+3,1%), Bell (+14,6%) und Lindt & Sprüngli (+15,6%) vor Augen, kann man sich als Landwirt und als Milchbauer im Speziellen fragen: «Wie war das nochmals mit dem schwierigen Geschäftsjahr 2015 aufgrund des starken Frankens und der damit begründeten Preissenkungen bei den Produzenten?»

Befürchtung eingetroffen

Als mit der Aufhebung des Mindestkurses die Solidarität der ganzen Ernährungsbranche gefordert wurde, war die Landwirtschaft schnell bereit, einen Beitrag zu leisten. Dass nun die Aktionäre der drei genannten Unternehmen im «Krisenjahr» voraussichtlich in den Genuss höherer Dividenden kommen werden, kann zu Unmut führen.

Angesichts des Warnrufs von Martin Rufer, Leiter des Departements Produktion, Märkte und Ökologie beim Schweizer Bauernverband (SBV), unmittelbar nach der Aufhebung des Euromindestkurses, scheint es einem wie Schuppen von den Augen zu fallen, dass der starke Franken per se auch als Instrument verwendet wurde, um die Erzeugerpreise generell zu senken. «Wo die Landwirtschaft jetzt aber unbedingt aufpassen muss, ist, dass unter dem Deckmantel des Wechselkurses kein ungerechtfertigter Druck auf die Produzentenpreise ausgeübt wird», sagte Rufer im «Schweizer Bauer» vom 17. Januar 2015.

Jetzt, gut sieben Monate also nach dem Entscheid der Nationalbank, weisen die ersten Schweizer Nahrungsmittelkonzerne stolze Gewinnsteigerungen aus. «Meine Befürchtungen sind leider eingetroffen», erklärt Rufer auf Anfrage und ergänzt: «Im laufenden Jahr liegen die Schweizer Produzentenpreise gesamthaft um über 8 Prozent unter den Vorjahrespreisen. Im gleichen Zeitraum gingen die Konsumentenpreise für Nahrungsmittel im Laden im Schnitt um weniger als 1 Prozent zurück.» Die Abschläge auf den Konsumentenpreisen für Nahrungsmittel seien damit wesentlich geringer gewesen als die Abschläge auf den Produzentenpreisen. «Es wurde einseitig und unnötig Druck auf die Produzentenpreise ausgeübt», erklärt Rufer.

Angebot noch zu hoch

Dass der entstandene Währungsnachteil zum grössten Teil von Produzenten getragen wird, lässt sich auch aufgrund von Mitteilungen der drei Unternehmen erahnen. So etwa bei Bell. «Die Auswirkungen der Aufhebung des Mindestkurses sind im Schweizer Markt spürbar. Trotzdem konnte Bell das Absatzvolumen mit 60'753 Tonnen auf Vorjahresniveau halten, nicht zuletzt dank eines guten Starts in die Grillsaison», schreibt Bell zum Halbjahresergebnis.

Auf Anfrage, warum der Schweizer Schweinemäster vom tollen Grillwetter nichts mitbekommen habe, schreibt Bell: «Das Angebot ist immer noch hoch im Verhältnis zur Nachfrage. Es wurden auch keine Importe getätigt. Man muss beachten, dass die Konsumenten zunehmend Schweinefleisch im grenznahen Ausland einkaufen und somit die wetterbedingt höhere Nachfrage teilweise ins Ausland abfliesst.» Lindt & Sprüngli führt seine Steigerung des Betriebsgewinns auf Effizienzsteigerung oder Kosteneinsparungen zurück.

SBV fordert höhere Preise

Auf die Frage, wie der Rückbehalt beim Milchgeld bei Emmi angesichts des positiven Halbjahresergebnisses zu rechtfertigen sei, schreibt die grösste Schweizer Milchverarbeiterin: «Wir zahlen zurzeit Preise, die über dem Durchschnitt liegen. Der Rückbehalt hat nichts mit dem Geschäftsgang zu tun, sondern ist eine Folge der Eurokursentwicklung, und diese ist zurzeit ja positiv. Deshalb haben wir den Rückbehalt vor einigen Wochen bereits reduziert.»

Für den SBV scheint indes klar, dass Unternehmen die Währungskrise auch zu ihren Gunsten genutzt haben. Und so fordert er aufgrund seiner gestrigen Vorstandssitzung nun, dass der entstandene finanzielle Spielraum der nachgelagerten Stufen genutzt wird, um die Produzentenpreise wieder zu erhöhen.


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