16.02.2015 06:42
Quelle: schweizerbauer.ch - sda
USA
Der Niedergang der Shopping Malls
Ausgerechnet die Einkaufstempel in den USA leiden unter wirtschaftlichen Schwierigkeiten. Grund sind veränderte Einkaufsgewohnheiten. Die Innenstädte freut es.

Cierra Dorsey wird geradezu wehmütig, wenn sie an die alten Shopping Malls denkt: «Als meine Mutter mich das erste Mal allein ausgehen liess, durfte ich in eine Mall», sagt die Verkäuferin in Fairfax nahe der US-Hauptstadt Washington. «Ich habe so schöne Erinnerungen daran.»

Malls werden zu Freizeitparks

Heute erledigt Dorsey ihre Einkäufe anderswo - wie viele andere US-Bürger auch. Die traditionellen Einkaufszentren, Symbole des Konsumrauschs der 60er Jahre und über Jahrzehnte hinweg soziale Ankerpunkte von Städten und Gemeinden, sind in der Krise. Grund sind vor allem neue Einkaufsgewohnheiten.

Neben dem Internet-Handel machen auch die Innenstädte den Malls Konkurrenz: «Der Einzelhandel kommt heute wieder in die Strassen, zurück zu seinen Wurzeln», sagt Immobilienexperte David Dochter. Zudem wollen viele beim Shoppen unterhalten werden: «Es ist nicht so, dass der Konsum abnimmt», sagt der Soziologe George Ritzer, Autor eines Buches über die «Kathedralen des Konsums». «Tatsächlich nimmt er zu, aber wir konsumieren anders, an anderen Orten. Die Malls werden zu Freizeitparks.»

Symbol des amerikanischen Traums

Der Niedergang der Malls alten Stils spiegelt sich in der US-Presse seit Monaten in Schlagzeilen wie «Die amerikanische Shopping Mall: Eine aussterbende Gattung» und «Pracht und Verfall des Einkaufszentrums» wieder. Nach Zahlen der Immobilienspezialisten CoStar Group haben rund 20 Prozent der 1200 US-Malls wirtschaftliche Schwierigkeiten, verglichen mit sechs Prozent 2006. «Seit 2009 wurde keine mehr gebaut», sagt der Soziologe David Roelfs von der Universität Louisville im US-Bundesstaat Kentucky.

Die meisten Malls wurden in den 50er und 60er Jahren gebaut, als ein wachsendes Netz von Highways neue Vororte mit den futuristischen Shopping-Arkaden verband. Mit eleganten Glasfronten, glänzenden Fliesen, Rolltreppen, Brunnen und riesigen Parkflächen waren sie das Symbol des amerikanischen Traums - alle trafen sich dort. Auf der Website deadmalls.com werden nun nostalgische Erinnerungen an die typisch amerikanischen Konsumtempel gesammelt.

Konsumstätte statt Ort der Begegnung

«Wir müssen bedenken, dass die 50er und 60er Jahre erfüllt waren von dem Wunsch nach Modernem, und so gab die Neuheit den Malls einen echten Vorteil gegenüber den alten Innenstädten und Open-Air-Shopping-Zentren», sagt Roelfs. Die erste überdachte Mall der USA, das Southdale Center in Minnesota, eröffnete 1956 und ist heute noch in Betrieb.

1500 Nachfolger wurden seither gebaut. Gedacht hat sie der österreichische Architekt und Mall-Pionier Victor Gruen ursprünglich als Orte der Begegnung. «Aber es wurde schnell vor allem eine Konsumstätte», so Roelfs. Lediglich Jugendliche nutzen die Malls weiterhin als Treffpunkt. Auch in der Populärkultur fanden die Shoppingzentren ihren Platz, den Kino-Klassikern «Zurück in die Zukunft», «Terminator» und «Blues Brothers» dienten sie als Kulisse - im jüngsten Kinohit «Gone Girl» wird dagegen ein verlassenes und zerfallenes Einkaufszentrum in Szene gesetzt.

«Zuerst die Zeit, dann die Brieftaschen»

Gleichzeitig werden neue Komplexe errichtet: In ihnen verbinden die Entwickler Läden mit Wohnungen, Büros, Theatern und Kinos. Laut Dochter wollen die jungen Erwachsenen heute «ein geselliges Umfeld zum Einkaufen, sie wollen ein Erlebnis, nicht nur eine Ware». Auch der «Mosaic»-Einkaufspark in Fairfax soll auf 20 Hektar Fläche vor den Toren Washingtons Marktplatz, Wochenmarkt, Boutiquen und Kindertheater bieten.

«Hier herrscht keine Hektik wie in einem überfüllten, traditionellen Einkaufszentrum», sagt Reed Kracke von der Entwicklungsgesellschaft Edens. «Wenn wir die Zeit der Leute erobern, dann werden ihre Brieftaschen folgen, wenn sie hier Zeit verbringen, werden sie auch ihr Geld hier ausgeben.»

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